Ausg'steckt is

Ausg‘steckt is – Heuriger, Buschenschank und Wiener Gemischter Satz

Prolog: Wiener Wein

Blick vom Bisamberg Die Kultur keiner anderen Großstadt ist so eng mit dem Weinbau und der dazugehörigen Gasthauskultur verbunden wie die in Wien. Auch wenn der Weinbau immer weiter an den Stadtrand gedrängt wurde – im Mittelalter gab es noch Weingärten innerhalb der Stadtmauern – sind Wein und Weintourismus immer noch bedeutende Wirtschaftsfaktoren. Keine andere Weltmetropole kann 612 Hektar Rebflächen innerhalb der Stadtgrenzen vorweisen, und keine andere Weinbauregion vermarktet diese so zauberhaft wie das mondäne Wien. In legendären Heurigen, ganz traditionell im Buschenschank mit bäuerlichem Charme oder modern im Lifestyle-Ausschank. Doch nicht nur das. Die Weingärten mit Blick auf die Stadt prägen das abwechslungsreiche Landschaftsbild, sind Symbol des bäuerlich geprägten Kulturraumes der Metropolregion und wertvolle Naherholungsgebiete zum Wandern oder Radeln. Alle gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Zentrum aus erreichbar. Krönender Abschluss eines solchen Ausfluges ist natürlich der Besuch im Heurigen. Mit einem ausgesteckten Reisigzweig über der Tür signalisiert dieser, dass er offen hat. Für Leute die nicht nach oben schauen können schreibt man “ausg’steckt is” zudem noch auf ein Schild. Erholung, Wein und Speisen sind wichtige Erlebnisfaktoren der heutigen Gesellschaft und bieten nachhaltige Sinneserfahrungen. Für die Wiener selbst und für die Touristen der Stadt. Sehr lässig, wie man hier gerne sagt.

Krieg und Frieden
Das Jahr 1683, eine gewaltige türkische Armee steht vor Wien. Zum zweiten Mal versuchen die Krieger des osmanischen Reichs, Wien einzunehmen. Doch die Stadt ist gut befestigt. 1194 hatte man gewaltige Stadtmauern errichtet, das Lösegeld für den Kreuzfahrer und englischen König Richard Löwenherz dafür eingesetzt. Nach der ersten osmanischen Belagerung, etwas mehr als 100 Jahre zuvor, rüstete Wien nach. Auf dem Kadolzberg bei MauerDenn klar war, dass um die strategisch bedeutende Stadt an der Donau und den Schnittpunkt wichtiger Handelswege weiter gerangelt würde. Wien konnte sich gut zwei Monate gegen ein Heer von 120.000 Belagerern verteidigen. Als es brenzlig wurde, kam ein deutsch-polnisches Heer zu Hilfe. In der entscheidenden Schlacht am Kahlenberg besiegte die zahlenmäßig weit unterlegene christliche Allianz die Türken entscheidend. Das war der Anfang vom Niedergang des osmanischen Großreichs. Die Schlacht fand teilweise zwischen den Rebstöcken statt. Denn am Kahlenberg, heute Leopoldsberg, sind seit 1304 Weingärten belegt. Weinbau ist in Österreich aber viel älter. Schon die Kelten, später die Römer, kultivierten Wein. Die Umbenennung des Berges erfolgte kurz nach der Schlacht, nachdem die von den Türken zerstörte Leopoldskapelle dort wieder errichtet wurde, wo sie noch heute auf dem Gipfelplateau neben der Bergburg thront. Doch auf den Namen Kahlenberg wollte man, so scheint es, nicht verzichten und benannte den benachbarten Sauberg in Kahlenberg um. Klingt ja auch irgendwie schöner. Gemeinsam mit dem Bisamberg bildet der Leopoldsberg rechts und links der Donau die Wiener Pforte und die Grenze zum Anbaugebiet Wagram. Auf Wiener Stadtgebiet ist dem Leopoldsberg die Lage Nussberg vorgelagert, hier findet sich eine Riede, die auch auf die große Schlacht verweist: Preussen. Hier soll sich ebendieses Heer vor der Schlacht gesammelt haben. Angemerkt sei, dass gewisse Autoren behaupten, der Name rühre von einem ehemaligen Besitzer, einem Geheimrat namens Preuss her.

Auf gutem Grund
Die Hänge vor dem Leopolds- und dem Bisamberg beherbergen die größten Anbauflächen der Stadt. 87 Prozent der jährlich rund 2,39 Millionen Liter Wein werden in diesen beiden Bezirken gekeltert. Beide liegen durch die Donau getrennt nur wenige Kilometer auseinander im Norden der Stadt.Premiumlage auf dem Nussberg
An den Ausläufen des Wienerwalds treffen Witterungseinflüsse der Pannonischen Tiefebene und kontinentale Strömungen aufeinander. Die Lagen am Bisamberg nördlich der Donau werden von Winzern aus dem Bezirk Floriansdorf mit den Örtchen Strebersdorf, Stammersdorf und Jedlersdorf bewirtschaftet, die Lagen vor dem Kahlenberg und Leopoldsberg von Winzern aus dem Bezirk Döbling. Wichtige Weinörtchen sind hier Grinzing, Nussdorf, Neustift am Walde oder Saalmannsdorf. Südwestlich finden sich zwei weitere Weinbauinselchen in den Bezirken Hernals und Ottakring. Diese Weingärten liegen auf penninischem Flysch, ein Alpengestein maritimer Herkunft. Sehr alt, denn es besteht aus den Ablagerungen des Tethys und beinhaltet quarzige und kalkige Sandsteine mit Mergel und Tonablagerungen. In manchen Rieden treten diese Ablagerungen auch als fester Kalkstein zutage. Zumeist zeigen sich die Böden aber grob sandig-kiesig oder mergelig. Dieses zehn bis zwölf Millionen Jahre alte Terroir bildet rund um das Alpenmassiv ideale Böden für den Weinbau, zum Beispiel für Burgundersorten. Im Süden Wiens beherbergen die Bezirke Liesing und Favoriten weitere kleine Weinbaugebiete. In den Örtchen Mauer und Kalksburg haben Flüsse aus dem Wienerwald sandig-schottrige Schuttböden geschaffen. Teilweise sind diese als Konglomerate verfestigt. Die Weingärten in Oberlaa liegen auf Ablagerungen von quarzreichem Kies mit lehmiger Deckschicht, Sedimente des Wiener Beckens. Solche Böden sind auch in flacheren Lagen im nördlichen Stammersdorf zu finden. Dieses Terroir bringt kraftvolle Weißweine und eindrucksvolle Rotweine hervor.
In den sechs Wiener Weinbezirken arbeiten 190 Weinbaubetriebe. Mit 80 Prozent dominiert ganz klar der Weißwein. Sehr sortenreich baut man ihn hier aus. Unter den Roten dominiert natürlich der Zweigelt, aber auch Blauer Burgunder und Cabernet Sauvignon. Sie zeigen teils beachtliche Qualität. Unter all diesen Weinen und Cuvees wartet Wien aber mit einer ganz besonderen Spezialität auf, dem Weißwein “Wiener Gemischter Satz“.

Idylle auf dem BisambergAuf die Mischung kommt es an
Während in anderen Weinanbaugebieten mit geschützten Herkunftsbezeichnungen strikt auf Sortenreglement gesetzt wird, gehen die Winzer in Wien einen ganz anderen Weg: die Kultivierung der althergebrachten Anbaumethode Gemischter Satz. Weinberge mit Gemischtem Satz fand man früher überall in Europa. War ein Weinstock hinüber, pflanzte der Bauer einen neuen, ohne dabei großartig Rücksicht auf die Sorte zu nehmen. So war der Berg nach Jahrzehnten mit den unterschiedlichsten Rebsorten besetzt. Oft war dann nicht mehr
bekannt, was da eigentlich alles umherrankte. Die Reben wurden zusammen geerntet und gekeltert. Das Ergebnis waren einfache Schankweine eines Bauern, der den Weinbau neben der Land- und Viehwirtschaft betrieb. Die Weine zumeist nur für den eigenen Schoppen am Abend gedacht. Mit der Spezialisierung auf den Weinbau und Ausrichtung auf verkaufbare Qualitäten, rupfte der zum Winzer geadelte Bauer alles aus den Lagen heraus und pflanzte neu und sortenrein. Eine Entwicklung, die von der ältesten Weinbauschule der Welt vorangetrieben wurde: Kloster Neuburg bei Wien. Für den einstigen Bauern mit nur einem oder wenigen Weingärten hatte der Gemischte Satz aber Vorteile. So verringerte die Sortenvielfalt die Gefahr von Schädlingsbefall oder Krankheiten und sicherte jahrgangsunabhängig eine etwa gleichbleibende Erntemenge – mal trug dieser, mal jener Weinstock mehr, je nach Wetterverlauf. Nur noch wenige Gemischte Sätze sind geblieben. Teils sind sie heute begehrte “Ausgrabungsstätten“ der Reben-Archäologie. Wie zum Beispiel in den Tälern des Douro in Portugal. Hier finden Biologen immer wieder vergessene Klone und Sorten. Und auch in dieser Region gibt es Leute, die aus solchem Rebenmaterial hervorragende Weine produzieren, allen voran Dirk Niepoort. Auch in Wien gab es eine solche Entwicklung. Historisch war hier immer der Gemischte Satz der übliche Schankwein. Erst nach dem Krieg setzte sich der großen Ertrag versprechende Veltliner durch. Aber auch in Wien hatte sich der Gemischte Satz erhalten und man wollte sich zu ihm bekennen. Im Jahr 2006 gründeten die wohl angesehensten Winzer der Stadt die Vereinigung “WienWein“. Mit dem Ziel, die Qualitäten des Wiener Weins zu fördern und im Besonderen den Wiener Gemischten Satz zu propagieren. Die Bemühungen von Fritz Wieninger aus Stammersdorf, Rainer Christ aus Großjedlersdorf sowie Richard Zahel und Michael Edlmoser aus Mauer führten schließlich zum Erfolg. Der Jahrgang “Gemischter Satz 2013“ war der erste mit geschützter Herkunftsbezeichnung DAC und damit die neunte “Districtus Austriae Controllatus“. Anlässlich der Präsentation der 2013er am 18. März 2014 stellten bereits über 30 Winzer den 700 Gästen ihre gemischten Weine vor. Das DAC manifestierte eigentlich nur die Richtlinien eines Gentleman’s Agreement, welches bereits unter den Winzern bestand, und wies diese in die Schranken, die sich nicht genau daran hielten.
Zahel soll der erste Winzer gewesen sein, der mit “Gemischter Satz“ etikettierte. Und von Zahel stammt auch der teuerste Weißwein Österreichs, der 5 Points Wiener Gemischter Satz für 150 Euro. Freilich sind diese Weine kein Zufallsergebnis mehr aus unbedacht und über Jahrzehnte hinweg bepflanzten Weingärten. Nein, sie sind das Ergebnis eines umfangreichen Winzerwissens, das mehr Fingerspitzengefühl verlangt als der sortenreine Anbau. Wie besetze ich den Weingarten? Mit der Sortenwahl bestimme ich den Typ. Pflanze ich Burgundersorten für einen üppigen oder typisch österreichischen, für einen leichten, säurebetonten Gemischten Satz? Und wann ernte ich? Denn jede Traube hat eine andere Typik und Reifezeit und zeigt sich in jedem Jahr anders. Der Gemischte Satz ist so eine ganz besondere Cuvee, die nicht durch die Vermählung von Sorten im Keller entsteht, sondern schon im Weinberg angelegt wurde. Der Wiener Gemischte Satz DAC muss zu 100 Prozent aus einem Wiener Weingarten stammen und mindestens drei Rebsorten enthalten, es können aber auch wesentlich mehr sein. Beim schon erwähnten 5 Points sind es über 20, natürlich alle Weiß. Der größte Sortenanteil darf nicht mehr als 50 Prozent betragen, der drittgrößte muss mindestens zehn Prozent ausmachen. Man sollte also rechnen können. Die Alkoholobergrenze beträgt 12,5 Prozent. Der Ausbau ist trocken und das Geschmacksprofil darf keine dominanten Holztöne zeigen. Die wichtigsten Rebsorten sind Grüner Veltliner, Riesling, Chardonnay, Weißburgunder, Welschriesling oder Neuburger. Als Aromaspritze werden Traminer, Gelber Muskateller, Müller Thurgau oder Sauvignon Blanc injiziert. Bleiben wir beim Beispiel Zahel. Sein Wiener Gemischter Satz DAC enthält Grüner Veltliner, Riesling, Chardonnay, Grauburgunder, Weißburgunder und Traminer. Teilweise sind die Stöcke 36 Jahre alt. Heraus kommt ein Wein mit frischer Frucht: Pfirsich, Marille und Ananas und dazu eine gut eingebundene Säure. Sein Gutswein Gemischter Satz hingegen besteht nur aus den drei Rebsorten Chardonnay, Riesling und Grüner Veltliner. Bei diesem zeigt sich das Geschmacksprofil jugendlich, frisch, saftig, fruchtig und leicht. Jedoch ist das Geschmacksprofil kein DAC Kriterium. Es gibt auch keine sensorischen Prüfungen. Gemischter Satz ist die einzige geschützte Herkunftsbezeichnung, die nicht aufgrund eines Geschmacksprofils, sondern nach der Anbaumethode zugeteilt wird. So ergibt sich ein bunter Strauß an Aromabildern. Der typische Wiener Gemischte Satz ist ein Begleiter zum Heurigen-Essen. Und aufgrund der Vielschichtigkeit des Angebots ein Alleskönner, der zu vielem passt.

Schrammelmusik im Gastgarten im Heuriger Fuhrgassl-Huber“Jetzt trink mal noch a Flascherl Wein …
… es muss ja nicht die letzte sein.“ So lautet es in einem der 3.000 Lieder, die der Wiener Volksmusiker Carl Lorenz zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert komponierte und in einschlägigen Gasthäusern vortrug. Carl Lorenz, eine Legende des Wienerlieds. Noch bekannter die Gebrüder Schrammel, die mit ihrem Quartett einige Jahre früher durch die Heurigen und die Salons der Wiener Reichen tingelten. Die Schrammelmusik wurde berühmt und zum Synonym des Wienerlieds.
Die Mitglieder des Quartetts waren Stars ihrer Zeit, selbst von Johann Strauß und Johannes Brahms bejubelt. Auch heute noch gehört diese Musik zum authentischen Szenario eines Heurigen, dem besten Ort um Wiener Wein zu verkosten. Gasthäuser gibt es seit ewigen Zeiten und an mittelalterlichen Verkehrsknotenpunkten wie in Wien schon früh in großer Zahl. In Einkehrhäusern übernachteten und labten sich Handelsleute und im Mittelalter-Schnellimbiss, dem Trottierhaus, bekam man auf die Schnelle Wein, Wurst und Käse. Das mit den Schank- und Bewirtungsgenehmigungen war anscheinend damals genauso kompliziert wie heute. Aus einer Niederschrift von 1346 geht hervor, dass Gasthäuser nur Getränke und kalte Speisen servieren durften. Wer warmes Essen wollte, musste zu den Stadtköchen oder “Auskochern“ gehen, das waren Street Food Stationen, aber ohne Getränkeausschank. Ab dem 16. Jahrhundert kamen so etwas wie die heutigen Bratwurst- oder Dönerstände auf. Die Bratelbrater steckten gegarte Fleisch- und Wurstwaren in Gebäck. Für die weniger betuchten Gäste gab es unter den Wiener Lokalen eine Low-Budget-Version, die Schwemm’ mit preiswertem Essen und Getränken. Eine weitere Besonderheit waren Weinkeller, die im 15. Jahrhundert auftauchten. Sie etablierten sich in unterirdischen Gewandkellern – Kleidershops – und boten tief unter der Erde schummrige Weinseligkeit. Einige davon haben sich erhalten, so der Esterhazykeller oder der Zwölf-Apostelkeller. Im Zuge der Industrialisierung entstanden Eckkneipen, die Beisln. Die Wirte waren für die Versorgung der Arbeiter lebensnotwendig, denn selbst versorgen konnten die sich kaum in der großen Stadt, abgeschnitten von der bäuer-lichen Kultur. Und selbst kochen, nein, Küchen hatten die armen “Bettgeher“ nicht. Sie schliefen in Wechselschicht auf Zimmern, die sie sich mit Kollegen teilten. Heute gibt es eine gewisse Renaissance des Wiener Beisl. Edelbeisl etablieren sich, aber auch viele Traditionshäuser haben sich erhalten.
Rudi’s Beisl, Grünauer, Zu den 3 Hacken, Ofenloch oder Gmoakeller.
So gab es also in der Stadt Wien für jeden Geldbeutel, für jede gesellschaftliche Klasse und jedes Ansinnen den richtigen Ort zum feinen Speisen, für üppige Gelage und zünftige Saufereien. Also kein Grund, das Stadtzentrum zu verlassen, oder doch?

Der Heuriger Mayer am PfarrplatzBuschenschank und Heuriger
Bereits unter Karl dem Großen, um das Jahr 800, war den Weinbauern erlaubt, für drei Monate im Jahr eigenen Wein auszuschenken. Dies wurde von Weinausrufern verkündet und man setzte dem Ort ein Zeichen. Ein Tannenreisig wies hin, hier gibt es Wein. Der Buschenschank war entstanden. Zudem hatten einige Wiener Bürger Rieden vor der Stadt, deren Weine sie in Wien verkauften. Am 17. August 1784 verordnete Josef der Zweite, dass es den Bauern erlaubt sei, selbst produzierten Wein, Obstmost und Lebensmittel das ganze Jahr über selbst zu vermarkten. Im selben Jahr warb das Wirtshaus “Zum Weißen Ochsen“ in Neulerchenfeld mit “Heurigem Wein“, also Jung-Wein, der noch nicht den 11. November (Martinstag) nach der Produktion überschritten hat, danach gilt er als Alt-Wein. Heute steht der Begriff auch für die Lokalität.
Um 1900 kamen Landpartien in Mode, zumindest für das wohlhabende Bürgerturm und den Adel. Die ließen sich per Kutsche in die Weinberge befördern und kehrten dort ein. Einen Picknickkorb brachte der honorige Gast mit. Mit der Entwicklung erschwinglicher Verkehrsmittel Anfang des 19. Jahrhunderts kam das Heurigergeschäft in Schwung. Zeiserlwagen, bäuerliche Leiterwagen mit Sitzbänken und Pferdeomnibusbetriebe ermöglichten jetzt auch den weniger Betuchten, ihre Freizeit in den Weinbergen am Rande der Stadt zu verbringen. Auch die aufkommende romantisch verklärte Naturliebe trug zu dieser rasanten Entwicklung bei. Man fuhr nach Grinzing, Währing oder Sievering. Insbesondere die Bohème entdeckte die Weinlokale. Der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer führte den deutschen Philosophen Georg Friedrich Hegel ins Weinörtchen Nussdorf. Und die angesehensten Musiker ihrer Zeit ließen hier ihre Gläser klingen. Franz Schubert oder Ludwig van Beethoven, der selbst schon einmal im “Schweizerhaus“ im Wiener Prater in die Tasten schlug. Mit dieser Entwicklung erreichte der Weinanbau Mitte des 19. Jahrhunderts seine flächenmäßig größte Bedeutung. 1.200 Hektar widmete man den Rebstöcken. Aus den kleinen Bauernschänken mit ein paar Sitzbänken erwuchsen nun stattliche Gastronomiebetriebe. Der große Heurigerboom kam mit der Straßenbahn. Die Tramway-Gesellschaft befuhr ihre Gleise zunächst mit Dampfloks. 1883 wurde die erste Linie eröffnet.1897 folgte die erste Elektrische. Mit dem Ausbau des Schienennetzes konnten alsbald auch entlegene Heurigen gut erreicht werden. Die Liebe der Bohème zum Heuriger hat sich erhalten. Man traf dort Paul Hörbiger, Hans Moser und Peter Alexander in geselliger Runde. Und kaum ein Streifen des Genres “Wiener Film“ kommt ohne eine Heurigerszene aus.

Was ist denn nun der Unterschied?
Buschenschank und Heuriger, beides gibt es in Wien. Die Heurigenbetriebe, die ganzjährig ausschenken dürfen, haben sich zu meist urigen gastronomischen Großbetrieben entwickelt. Viele von ihnen werden von Winzerfamilien betrieben, die selbstproduzierte Weine verkaufen. Bis in die 1970er Jahre war es noch üblich, seine eigene Jause, eine Brotzeit, mitzubringen. Die Wirte boten einfaches Essen an, oft nur Brot und Nüsse. Eine Verordnung von 1939 gestattete den Heurigenbetreibern, auch Buffets anzubieten. Mit den Jahren entwickelte sich das Weinlokal so mehr und mehr zum Esslokal. Die Buffets sind geblieben – im Gegensatz zu Heurigen im restlichen Österreich, dort wird das Essen serviert. In Wien geht der Ausgezehrte in den Heurigen, oft gewachsene, verwinkelte Anwesen, sucht sich einen Platz im Gastgarten oder in der Gaststube und wählt seinen Wein, der wird ihm serviert. Dann führt der Weg zum meist üppigen Buffet mit saftigen Braten, Salaten und Wurst- und Käsespezialitäten. Und wie schon erwähnt, Schrammelmusik gehört einfach dazu. Im Zuge dieser Entwicklung und aufgrund des Wettbewerbsdrucks der Heurigen untereinander hat sich die allgemeine Qualität in den letzten Jahren positiv entwickelt. Und dieser Trend geht weiter. Klar, es gibt auch Touristenschuppen, riesengroß, wo die Gäste mit Reisebussen angekarrt werden. Solche findet man meist in Grinzing. Gut ist aber, dass die Touristen meist in separate Gemächer gepfercht werden.
Buschenschanken werden ausschließlich von Weinbauern geführt. Erlaubt ist nur der Verkauf von eigenen Weinen, Fruchtsäften und Lebensmitteln. Mineralwasser, Brot oder Käse darf zugekauft werden. Das Wiener Buschenschankgesetz formuliert das folgendermaßen und sehr amüsant: “Natürliche und juristische Personen, Personengesellschaften des Handelsrechts sowie eingetragene Erwerbsgesellschaften, die in Wien gelegene Wein- und Obstgärten besitzen und in Wien ihre Betriebsstätte haben, sind berechtigt, nach Maßgabe dieses Gesetzes Wein und Obstwein, Trauben- und Obstmost, Trauben- und Obstsaft aus betriebseigener Fechsung sowie selbst gebrannte geistige Getränke entgeltlich auszuschenken (Buschenschank).“ Diesen ist weiter “die Verabreichung von allen heimischen Wurst- und Käsesorten, Schinken und geräuchertem Fleisch, Speck, kaltem Fleisch und kaltem Geflügel, Sardinen, Sardellenringen und Rollmöpsen, Salaten, Essiggemüse, hartgekochten Eiern, Brotaufstrichen aller Art, Butter und Schmalz, Grammeln, Salzmandeln und Erdnüssen, Weingebäck wie Weinbeißern, Kartoffelrohscheiben und Salzgebäck, Brot und Gebäck sowie heimischem Obst und Gemüse unter Ausschluss aller warmen Speisen gestattet.“
Buschenschanken dürfen fünf- bis sechsmal pro Jahr öffnen. Als Öffnungszeichen wird ein Buschen, ein Reisigbündel, über der Tür befestigt. Der Ausschank befindet sich traditionell im Weingut, wo man im Hof auf rustikalen Holzbänken vor schweren hölzernen Tischen sitzt. So wie es sich gehört und wie man es erwartet. Manche Winzer haben Buschenschanken in ihre Weingärten gesetzt, einfache Hütten in bester Lage mit grandiosem Ausblick.

Heuriger Schmankerl
Das Angebot der Heurigen ist ein Spiegelbild der Wiener Küche im Buffetformat mit zunehmendem Einfluss internationaler, meist italienischer Küche. So stellt man sich dann die Frage, ob Mozzarella mit Tomate, Broccoliauflauf, Ratatouille oder gefüllte Penne mit Kräuterpesto angesichts der hervorragenden und eigenständigen Landesküche wirklich sein müssen. Zugute halten muss man den Küchenchefs, dass die Wiener Küche schon immer wie ein Schwamm Produkte und Gerichte anderer Länder aufsog und adaptierte. Man nehme nur die Kaffeehauskultur, die auf einigen Beutesäcken osmanischen Kaffees beruht. Den italienischen Einfluss dokumentieren Produktbezeichnungen wie Maroni für die Esskastanien und Melanzani für Auberginen. In der K & K Monarchie übernahm man den ungarischen Gulasch. Den feinen dünnen Teig für den Strudel entwendeten die Wiener der türkischen Küche. Und ja, die Mehlspeisen, die heute für Wien und Österreich stehen, haben wie auch die Knödel ihren Ursprung in Böhmen. Heute jedoch stehen eine ganze Reihe Signature Dishes für die Wiener Küche. Egal, wo die Idee einst herkam.

Wiener Heurigen Klassiker
Kalte Schmankerl: Liptauer, Kräutertopfen, Verhackertes, Grammelschmalz, Beinschinken mit frischem Kren und Gurkerl, Haussulz mit Wurzelgemüse und Kürbiskernöl, Rindfleischsalat mit Paprika Käferbohnen und Zwiebeln, Räucher- forelle mit Oberskren und Vogerlsalat. Schaffrischkäse mit Schnittlauch und kleinen Paradeisern, hausgemachte Brotaufstriche
Hauptspeisen: Gebratenes von der Schweinsstelze, knuspriger Kümmelbraten und Schopfbraten, gebratene Blutwurst, gegrillte Hendlkeule und knusprige Hendlbrust, gebackenes Wiener Schnitzerl vom Schwein, knuspriges Backhendl, gebackenes Gemüse “Wiener Art“ mit Sauce Tatar, gekochtes vom Selchschopf mit Kren, fleischloser Erdäpfelstrudel mit Kräutersauerrahm
Beilagen: Semmelknödel, Braterd-äpfel, Sauerkraut und Specklinsen,
Salatbuffet, Brotkörberl
Wiener Mehlspeisen: Strudel – Topfenstrudel mit Vanillesauce, Apfelstrudel mit Zimt,
Kuchen und Schnitten, Cremes – Vanillecreme und Joghurtcreme mit Fruchtmus und frischen Früchten

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