Côtes du Rhône

Frankreichs größter Strom
Sie entspringt am Fuße des gleichnamigen Gletschers im Schweizer Kanton Wallis, bahnt sich ihren Weg quer durch den Genfer See und nimmt dann ihren Lauf entlang des französischen Jura in Richtung Süden. Nach 812 Kilometern schließlich ergießen sich ihre Mündungsarme in das Mittelmeer. Auf ihrem Weg hat sie viel gesehen. Die pittoreske Altstadt der Metropole Lyon, ein Weltkulturerbe. Hat sich dort mit dem Wasser ihres wichtigsten Nebenflusses, der Saône, vereint. Hat Fracht- und Kreuzfahrtschiffe getragen, Kernkraftwerke gekühlt und vor allem hat sie ihr Tal klimatisch begünstigt und Kirschen, Pfirsiche, Aprikosen und Weine prächtig gedeihen lassen. Die stolze Rhône und ihr geschäftiges Vallée.

Route du Soleil
Bei Vienne, kurz nach Lyon, verlassen wir die A7. Autobahn der Sonne – Autoroute du Soleil. Der zweite Name klingt viel schöner. Ja, sie ist die Sommerroute der Pariser an ihre geliebten Mittelmeerstrände. Problem ist nur, dass dann alle gleichzeitig dorthin möchten. Diesen Sonnenhungrigen verdankt die A7 einen Weltrekord, den längsten jemals gemessenen Stau mit nervtötenden 176 Kilometern! Der Grund unserer Reise ist der Wein und sein Pairing mit gutem Essen. Legendäre Lagen warten auf uns. Auf einem ca. 200 Kilometer langen Teilstück des Flusses zwischen Vienne und Arles werden wir die Côte-Rôtie, Saint-Joseph und die Hermitage an der nördlichen Rhône sowie die mediterran-körperhaften Weine der Côte du Rhône Villages und des Châteauneuf du Pape erkunden.
Die gesamte Rebfläche im Rhônetal beträgt etwas über 61.000 Hektar, auf denen rund 2,5 Millionen Hektoliter pro Jahr erzeugt werden. Die Ufer der Rhône gelten als das älteste Weinbaugebiet Frankreichs. Es heißt ein griechischer Stamm habe bereits 400 Jahre vor Christus den Weinbau ins südliche Tal gebracht. Sicher ist, dass die Römer mit der Landnahme in Gallien den Weinanbau vorantrieben. Sie kultivierten die Böden und legten erste Terrassen an. Von ihrem Verwaltungszentrum Lyon aus lieferten sie den vergorenen Rebsaft bis weit in ihre nördlichen Stellungen. Mit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums versiegten diese Handelsrouten und mit ihnen der Weinbau. Erst im Mittelalter verhalf die Kirche der Weinkultur zu neuer Blüte.

Die Weinpäpste
Genauer gesagt waren es einige der einst in Avignon residierenden sieben Päpste. Anno 1209 initiierte Papst Innozenz lll. eine Art Kreuzzug gegen die Glaubensgemeinschaft der Katharer in Südfrankreich. Diese waren zwar Christen, in den Augen des Heiligen Vaters dennoch Ketzer. Nach deren Niederlage gingen ihre Besitztümer an den Heiligen Stuhl in Rom über. Darunter auch das Gebiet der späteren Grafschaft Comtat Venaissin am linken Rhôneufer, dessen Zentrum Avignon wurde. Offensichtlich sagte die neue Enklave dem Klerus zu, denn man verlegte den Wohnsitz des Papstes nebst Gefolge hierher. Die Weine der Gegend fanden bei den Männern der Kirche besonderen Anklang, und so ließen sie fleißig neue Weingärten anlegen. Auch der Name Côte du Rhône, seinerzeit noch “Côste du Rhône“, stammt aus dieser Zeit. Er stand für einen Verwaltungsbezirk im Département Gard.

AOC – Apellation d’Origine Contrôlée
Ja, das war einmal. In Frankreich gelten seit 2009 neue EU-Klassifizierungsregeln. Allerdings durften bis 2014 auch die alten Bezeichnungen AOC, Vin de Pays und Vin de Table weiter genutzt werden. Was früher AOC war, nennt sich heute AOP. Aus Contrôlée wurde Protegée. Die neuen Weinkategorien in Frankreich stellen sich wie folgt dar: An der Spitze steht das AOP Cru. Das sind Weine aus nur einer Lage, einer Parzelle oder von einem Weingut. Darunter folgt AOP Kommunal, das steht für Weine aus nur einem Ort. Das AOP Regional ist die geschützte Herkunftsbezeichnung einer Region. Bei der IGP Klassifikation stammen die Weine ebenfalls aus einer Region, deren Vorschriften sind aber nicht so streng wie bei den AOP Standards. Vin de France ist die einfachste Kategorie, meist rebsortenreine Weine ohne genaue Herkunftsangabe. Die Franzosen sind die Erfinder des AOC – viele Länder haben dieses Prinzip übernommen. Bereits im 15. Jahrhundert regelte ein Parlamentsdekret die Herstellung und Reifung des Blauschimmelkäses Roquefort. Und 1933 erwirkte Baron Le Roy, ein Winzer des Châteauneuf du Pape, ein erstes AOC für seine Region.
Der Mann war ein Visionär und Qualitätsfanatiker und als solcher an der Gründung des Institut National des Apellations d’Origine (INAO), der Vergabestelle der AOC, beteiligt. Mittlerweile gibt es in Frankreich rund 390 AOP-Gebiete, 25 von ihnen strecken sich entlang der Rhône. Gut 30 Prozent der gesamten französischen Weinproduktion kommt aus diesen qualitätsgesicherten Betrieben. Eine AOP unterliegt strengen Kriterien in Bezug auf Terroir, Pflanzendichte, Rebsorte und Maximalertrag. Und nur wer Analysen und Verkostungen von Kontrollorganisationen besteht, darf den Ehrentitel tragen. Weine, die nicht bestehen oder solche, die produziert werden, um das Angebot eines Châteaus nach unten abzurunden, werden mit einer niedrigeren Kategorie gekennzeichnet. So wird aus einem einfacheren Wein der Côte-Rôtie dann ein Côtes du Rhône.

Geröstete Hügel
Wir befinden uns hier an der Côte-Rôtie, an den gerösteten oder gebratenen Hängen der nördlichsten Appellation des Rhônetals. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, ist es das Tor zur Rhône oder zum Burgund, das sich nördlich erstreckt. Und tatsächlich sind die legendären Weine der Côte-Rôtie so etwas wie ein Bindeglied der Regionen. Zum einen zeigen sie etwas Elegantes, einen Hauch vom Burgunderstil, zum anderen bereiten sie auf die, je weiter man nach Süden dringt, immer körperafter werdenden Lagen an der Rhône vor. Der Name beschreibt aufs Vortrefflichste die sonnenverwöhnten extremen Steillagen rechts der Rhône, die geologisch zum Massive Central gehören.
Die Lagen um die produzierenden Gemeinden Ampuis, Saint-Cyr-sur-le-Rhône und Tupin-et-Semons richten sich, bedingt durch den Verlauf der Rhône, terras- senförmig nach Süden aus. Hier treffen kontinentales und mediterranes Klima aufeinander. In den trockenen heißen Sommern bringen Gewitter ein paar Niederschläge. Die Winter sind gemäßigt. Mediterrane warme Winde und die “Bise“, ein kühlender Nordwind, durchfluten das Tal im Wechsel der Zeiten.
Lyoner Klima nennt man das. Das Muttergestein der teils über 60 Grad steilen Hänge besteht aus Gneis, Glimmerschiefer und Graniten. Durch Verwitterungsspalten zwängen sich die Wurzeln der Reben bis tief in den Berg, wo sie Wasser und Mineralien saugen. Die Bodentypen variieren stark. Bis zu 30 Böden unterscheiden die Winzer. Die bekanntesten Lagen befinden sich um die Gemeinde Ampuis, die Côte Brune und die Côte Blonde. Nicht nur der Weinqualität, sondern auch ihrer Geschichte wegen. Im 16. Jahrhundert teilte der Lehnsherr Maugiron seine Weinliegenschaften unter seinen beiden Töchtern auf. Klar, die eine war blond und die andere brünett. Tatsache ist, dass die beiden Schwesterberge sich deutlich in ihrem Terroir, somit dem Charakter unterscheiden. Auf den sandigeren, kalkhaltigen “blonden“ Böden reifen weiche Weine. Der lehm- und eisenhaltige Boden der “braunen“ Schwester lässt kräftige, langlebige Wein gedeihen.

Rote Seele, weißes Herz
Wir sind mit David Duclaux zum Lunch im “L’Etable du Boucher” verabredet. Das für gute Fleischgerichte berühmte Lokal liegt in einem zauberhaften Gässchen in der Altstadt von Vienne, dem nördlichen Kopf der Côte-Rôtie. Wir sitzen auf der Terrasse unter roten Sonnenschirmen und werden aufs Beste vom Chef und einer charmanten jungen Französin bedient. David Duclaux ist Winzer der gleichnamigen Domaine, die er mit seinem Bruder Benjamin führt. Aber nicht nur das, er ist auch Co-Präsident der Appellation und engagierter Streiter für die Qualität. Das Weingut Duclaux wird seit 1928 bewirtschaftet. Hier liest man in Handarbeit von insgesamt 5,98 Hektar Steillagen im Süden der Côte-Rôtie bei Tupin und Semons. David hat eine beeindruckende Auswahl von Weinen der Region mitgebracht, darunter selbstredend auch seine eigenen. Da liegt ein hartes Stück Arbeit vor uns.
Côte-Rôtie-Weine haben eine rote Seele mit einem weißen Herz. Außergewöhnlich, denn zugelassen sind zwei Rebsorten, der Syrah (mindestens 80 Prozent), eine ursprünglich hier von der Rhône stammende rote Sorte, und Viognier, ein aromatischer Weißwein, der ebenfalls rhônetypisch ist. Viognier mildert die starken Tannine des Syrah. Da man diesen aber heute meist nicht mehr mit den Stielen keltert, verringern die meisten Winzer den Weißweinanteil. Oft sind es nur noch fünf Prozent oder er fehlt in Einzellagen gänzlich. In der Vermählung beider Trauben wird der Côte-Rôtie zu einem Rotwein mit tiefem Bukett. Kraftvoll mit Aromen von roten Früchten und Gewürzen. Der Viognier steuert Veilchen- und Blütenaromen bei. Côte-Rôtie braucht Reife. Jung sind seine Tannine harsch und unzugänglich, auf der Zunge adstringierend. Mit dem Alter zeigt er seine ganze Schönheit. In französischer Eiche ausgebaut und in der Flasche gut gelagert, sind zehn bis 20 Jahre Reifezeit kein Problem. Wer so lange warten kann, hat einen sensationellen großen Wein. Beeindruckt hat mich die Lage La Germine von Duclaux.

Ein Cuvée
95 Prozent Syrah, 5 Prozent Viognier
Die durchschnittlich 30 Jahre alten Rebstöcke stehen auf Gneisböden an Steilhängen und auf Terrassen im Süden der Appellation. Ertrag: 35 Hektoliter pro Hektar. Die Beeren werden von Stiel und Stängeln gelöst (entrappt), der Trester nach alter Tradition mit den Füßen bearbeitet. Die Gärung erfolgt in temperaturgeregelten Küfen. Gelagert wird 22 Monate im Barrique, davon ist ein Fünftel der Fässer neu.
Beschreibung: rubinrot, vollmundig und geschmeidig, elegant und lang im Abgang, Duft von roten Beeren, Raucharomen und Gewürzen, rassiges Bukett, passt ideal zu Wild und Rindfleisch.
Lagerfähigkeit: bis 15 Jahre, Preis: 2012er ca. 38,- Euro

Von guten und von schlechten Zeiten
Die 276 Hektar Produktionsflächen der Côte-Rôtie sind in zahlreiche Einzellagen parzelliert. Aus diesen stammen die berühmtesten Weine. Einige Winzer jedoch produzieren nur einen Côte-Rôtie als Cuvée verschiedenster Kleinstlagen. Der durchschnittliche jährliche Ertrag liegt bei 32 Hektolitern je Hektar, was einer gesamten Jahresproduktion von rund 8.800 Hektolitern entspricht. Wahrlich nicht viel. Was Kritiker nicht davon abhält, die Integration von Plateauflächen über den Steillagen in die Appellation zu bemängeln. Umstritten ist auch die 1966 erfolgte Integration der Gemeinden Vernay und St. Cyr. Aus Sicht der Weinbauern aber durchaus verständlich, wollte man doch endlich nach einer langen Durststrecke mit dem Wein Geld verdienen. Zwar waren die Weine der Stadt Vienne schon im Altertum berühmt, und römische Dichter bekundeten ihre Qualität, jedoch ließen Reblaus, Weltkrieg und Wirtschaftskrise den Weinbau nahezu untergehen. Wein ist Luxus, man braucht ihn nicht zwingend zum Leben. Die Menschen hatten Hunger, rissen die Reben an den mühsam bewirtschafteten Hängen heraus und pflanzten dort Kartoffeln und Bohnen. Es waren zumeist die Frauen, die dies taten, denn viele Männer und Söhne hatte der Krieg weggerafft. Der Weinbau ging qualitativ und mengenmäßig zugrunde. David Duclaux erzählt das, während er mit einem gewaltigen Opinel ein eindrucksvolles Côte de Beuf tranchiert. Gut gegrillt. Der Côte-Rôtie ist dazu genial.
1940 erhielt die Region das AOC Siegel, was damals aber nicht zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Weinbauern führte. 1960 produzierte die Côte-Rôtie nur noch 700 Hektoliter, und bis in die 1970er Jahre hinein wurde der Wein für ein paar Francs verhökert. Um zu überleben, arbeiteten die Männer in der Industrie oder pflanzten in den verwahrlosten Weingärten Obst an. Begünstigt durch den Sensationsjahrgang 1978 und die anerkennenden Erwähnungen namhafter Weinkenner begann der Aufstieg der Region. Nun wurde rekultiviert und an der Qualität gearbeitet. Und zwar so gut, dass Robert Parker einigen Weinen 100 Punkte verlieh.

Respekt, Familie Jamet
Welchen Stellenwert der Winzer hat, den wir am Nachmittag besuchen, wird uns erst richtig klar, als wir an den folgenden Tagen anderen Winzern davon berichten. Ein langgezogenes “Ooh”, begleitet von hochgezogenen Augenbrauen und gemächlichem Kopfnicken, zeugt bei allen vom großen Respekt, den man Jean Paul Jamet und seiner Frau Corinne zollt. Vom Örtchen Ampius aus windet sich die Serpentine durch die Weingärten die steilen Hänge hinauf. Hoch über der Rhône wird es flacher. Eine Hochebene, die das kleine Weingut der Jamets beherbergt. Jean Paul und Corinne begrüßen uns auf das Freundlichste. Die Visitenkarten berühmter Sommeliers an den Wänden zeugen davon, dass es sich hier um eine Weinpilgerstätte handelt. Hier werden Weine gemacht, die rar, begehrt und von höchster Güte sind. 1979 übernahm Jean Paul Jamet das Gut von seinem Vater. Sanft hat er es vergrößert. Dabei immer darauf bedacht, dass die Größe nicht zu Lasten der Qualität geht. Bei insgesamt zwölf Hektar Fläche kann er noch jeden Weinstock persönlich begutachten. Größtmögliche Individualität in jedem Weingarten ist sein Ziel. Über 30 Parzellen bewirtschaftet Jamet mit seinem Team. Mühsam in diesen Lagen, während der Lese schaffen 30 Erntehelfer gerade mal einen Hektar pro Tag. Jamets Weine werden im Weinberg gemacht. Der Keller selbst arbeitet mit einfachen Mitteln, unspektakulär. Kein önologisches Hightech, keine Farbmanipulationen. Schon während der Ernte wird selektiert, ein zweites Mal bevor es in den Keller geht. Jeder Wein wird individuell gestaltet, bekommt das, was er braucht. So vergärt Jamet manche Weine auf Stiel und Stängel, andere werden entrappt. Ist das Rebenmaterial erstklassig, wandert es in großes Holz, damit weniger Sauerstoff zugreifen kann, schwächeren Jahrgängen gibt er mehr Luft in kleinen Fässern. Ganz gleich, ob es sich um einfache Weine des Hauses handelt oder um die spektakulären Côte-Rôtie, alle sind souverän und zeugen vom großen Können des Vollblutwinzers.
Das Gut produziert roten und weißen Côte du Rhône. Schon das 2013er Cuvée Weiß aus den Rebsorten Marsanne, Viognier, Rousanne und Grenache blanc, etwas im Barrique gelagert, überzeugt mit der Bitternote von Zitruszesten. Die drei Côte-Rôtie-Weine sind großes Kino. Den Einstieg bildet der Côte-Rôtie “Fructus Voluptas“, gefolgt vom Côte-Rôtie-Cuvée “Standard”, dessen Trauben aus unzähligen Weingärten ganz unterschiedlichen Charakters zusammengetragen werden. Die Vinifikation erfolgt in Stahltanks, danach wird 22 Monate im Barrique gelagert. Ein weiterer Côte-Rôtie wird an einem fünf Hektar großen Hang der Côte Brune angebaut. Der Wein entwickelt eine wunderbare Mineralität, nicht zuletzt, da 70 Prozent von alten Rebstöcken stammen, die in den 1940er Jahren gepflanzt wurden. Alle Côte-Rôtie-Weine von Jamet sind 100 Prozent Syrah. Die Lagen prägen ihren Stil. So zeigen sich die einzelnen Weine, auch die Jahrgänge “très different“. Typisch für alle ist ihre Fleischigkeit, ihr Aroma von schwarzen Beeren, Rauch, Paprika und Pfeffer. Ja, eine ganze Welt von Gewürzen verbirgt sich hinter dem tiefen Rot. Nelke, Zimt, Vanille. Weine für Kenner, mit wilder maskuliner Persönlichkeit und sensationeller Lagerfähigkeit, gut und gerne 20 bis 40 Jahre. Klar, dass solche Spitzenprodukte ihren Preis haben. Der 2012er, der erst langsam in die Trinkreife kommt, wird für rund 75 Euro gehandelt. Ältere Jahrgänge sind deutlich mehr wert. Und unvergesslich im Genuss zu typisch französischen Fleischgerichten.

Lyoner Küche
Im Hotel “Le Cottage” nehmen wir Quartier. Es gehört zur Domaine Clairfontaine hoch auf den Bergen gegenüber der Côte-Rôtie. Das ursprünglich einfache Bauernhaus hat man modern renoviert und um einen stylischen Pavillon ergänzt. Das Bistro du Chef bietet darin und auf der Terrasse erwartungsgemäß typische Bistrogerichte. Foie gras du Canard du Sud-Ouest mit Salat und Pain de Campagne. Ein Côte de Porc oder Filet de Bar in der Pfanne kross gebraten. Ein junger Mann aus dem Elsass mit sehr guten Deutschkenntnissen serviert uns einen weißen Crozes Hermitage – Les Marelles – von G. Robin. Seine herbe Frucht und die schönen Bitternoten begleiten uns nebst Cool Jazz Musik in den Sonnenuntergang.
Was man hier serviert ist Lyoner Küche. Einfach, aber fein und auf dem regionalen Produkt basierend. Das Bressehuhn, die Fische aus den vielen Flüssen, Früchte und Weine aus dem Rhônetal und Gemüse und Trüffel aus dem Hügelland links des Flusses. Auch für Käse ist die Region berühmt. Tomme de Savoie aus der Region Rhône Alps, Reblochon, der cremige Vacherin oder der kräftige Bleu de Bresse. Eine solche Region bringt auch berühmte Köche hervor. Paul Bocuse, Alain Chapel, George Blanc oder Anne Sophie Pic. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Qualität der typischen kleinen Restaurants. Dort isst man Coq au Vin oder Poularde demi-deuil mit schwarzen Edeltrüffelscheiben unter der Haut, Saladier Lyonnaise mit Schafsfüßen, Geflügelleber, gekochten Eiern und Heringsfilets oder Ripes à la Lyonnaise, Rinderfüße und Magen in Weißwein-Tomaten-Sauce. Abenteuerlich die Andouillette, eine Wurst mit Schweine-innereien als Hauptzutat. Weitaus gefälliger die wohl berühmteste Fleischwurst, die Lyoner. Oder Jesuswurst, eine geräucherte Spezialität aus Schweine- und manchmal Rinderhack. Die Lyoner Küche ist gehaltvoll, Butter und Fleisch dominieren. Die Kräuter und Gemüse entstammen dem gemäßigten mitteuropäischen Klima. Die Weine der Region passen ideal – natürlich. Folgt man der Rhône in den Süden, werden mediterrane Einflüsse zu-sehends stärker. Olivenöl statt Butter. Kräuter der Provence statt Petersilie. Lamm statt Schwein und Seefisch statt Karpfen, Hecht und Forelle.

Die sagenhafte Einsiedelei
Weiter südlich beschreibt die Rhône einen weiten Bogen um einen der berühmtesten Inselberge: den Hermitage. Bekannt ist die Geschichte des Kreuzritters Gaspard de Sterimberg, der sich anno 1224 aus Liebeskummer in eine Einsiedelei – französisch Hermitage – auf den Berg zurückzog, um sich dort von nun an dem Weinbau zu widmen. Doch der Eremit war nicht der erste Weinbauer in der Region. Schon 38 nach Christus berichteten griechische Geschichtsschreiber von diesen weinbedeckten Hängen. Der gute Ruf und die Qualität der Hermitage Weine ist seit dem Mittelalter legendär, ja überschattet beinahe alle anderen Lagen an der Rhône. Bereits im 17. Jahrhundert wurden die edlen Tropfen an die europäischen Königshöfe und den russischen Zaren geliefert. In der Neuzeit avancierten Weine der Top- lagen – natürlich ausgezeichnet mit Höchstbewertungen, 100 Parkerpunkte sind keine Seltenheit – zu den teuersten Weinen der Welt. Zwölf Flaschen des 1961er La Chapelle von Paul Jaboulet wurden 2007 bei Christies für rund 173.000 Euro verkauft. Etwas mehr als 14.400 Euro pro Flasche. Wohl dem, der frühzeitig kauft – und die Muße hat zu warten.

Gleichberechtigung
Die Lage Hermitage ist wohl die einzige Weltklasselage, die gleichermaßen angesehene Rot- und Weißweine liefert. Für die Rotweine ist nur Syrah zuge- lassen. Die bezüglich ihrer Reifung etwas zickige Edeltraube findet hier an diesem Berg, der seine Hänge der prallen Sonne entgegenstreckt, ideale Bedingungen. In kühleren Lagen und bei zu wenig Sonne reift Syrah nicht gut aus und entwickelt zu viel Tannin, bei zu viel Wärme kippt er schnell in die Überreife und verliert zu viel Säure. Hier auf diesem Berg gedeiht Syrah zum mächtigsten und langlebigsten Wein im Rhônetal und überzeugt mit komplexen Aromen. Schwarze und rote Früchte und feine Gewürze.
Für die feinen aromatischen Weißweine werden Marsanne- und Roussanne-Trauben genutzt. Marsanne blanche ist hier im Rhônetal geboren und wird hier am häufigsten angebaut. Ein paar Stöcke findet man sonst noch in der Schweiz und in Australien. Die Traube liefert charaktervolle, körperreiche Weine und ist ideal als Partner für Cuvées. Rousanne ist ebenfalls eine typische Rebe des Rhônetals. Ihre Weine sind säurereicher als die ihrer Partnertraube und entfalten ein blumiges Aroma. Trotz der geringen Säure der weißen Hermitages, ist auch ihr Lagerpotential sehr groß.

Tain-l’Hermitage
Nach dem Hermitage öffnet sich das Rhônetal gen Süden. Schmale Schluchten wandeln sich zu Ebenen. Die Berge längs der Rhône werden flacher bis sie im Süden vor Avignon zu Hügeln verkommen. Zu Füßen des Berges schmiegt sich das Städtchen Tain-l’Hermitage an die Rhône. Die Hängebrücke Passerelle Marc Seguin verbindet den Ort mit Tournan-sur-Rhône direkt gegenüber und so auch mit dem Weinbaugebiet Saint-Joseph. Tain ist mir wohlbekannt. Vor einigen Jahren schaute ich mir hier die Produktion der berühmten Molteni Herde an, kurz darauf folgte ich einer Einladung der in Tain beheimateten Schokoladenmanufaktur Valrhona. Produkte, die einen ähnlich hohen Stellenwert besitzen, wie der hier angebaute Wein. Auch das schnuckelige Hotel “Les Deux coteaux“ (Die zwei Hänge) direkt an der Brücke ist ein alter Bekannter. Natürlich lockt der Wein Gourmettouristen aus aller Welt in den Ort. Der gut ausgebaute Valrhona Werksverkauf und die Gastronomie profitieren davon. Aber es sind nicht nur Touristen, die Bars und Bistros bevölkern. Gerne treffen sich hier auch Einheimische auf ein Gläschen. Ein südfranzösischer Menschentyp; schlank, drahtig, lebensfroh. Die Arbeit in den steilen Weinhängen macht zäh und ausdauernd.

Quality in a nutshell
Wir sind mit dem Winzer Philippe Desmeure von der Domaine des Remizières im Bistro “Le Mangevins” verabredet. Ein kleines gut geführtes Lokal, in dem man ob seiner Beliebtheit mit knappem Raum Vorlieb nehmen muss. Das macht aber gar nichts. Das junge Inhaberpaar Dollat, Vincent ist Franzose und Madame Keiko Japanerin, verbreitet gute Laune und serviert eine gepflegte Küche mit guten Zutaten. Durchaus sterneverdächtig meinen einige Kritiker. Auf jeden Fall ist das Preis-Leistungs-Verhältnis sensationell, ebenso die Weinkarte mit rund 600 Positionen. In dieser Nussschale voll Qualität treffen sich ortsansässige Winzer und laden ihre Gäste ein. Bald allerdings müssen sie sich mit einer neuen Location anfreunden. Aus Platzgründen planen die Dollats den Umzug ihres 2007 gegründeten Bistros in eine größere Räumlichkeit in der Altstadt. Beide sind Quereinsteiger, Vincent war Segler, brachte Schiffe von hier nach dort. Keiko Yamada brachte etwas Restauranterfahrung mit. Aus dem Service in Tokyo. Jetzt ist Madame die Köchin und serviert uns Grünen Spargel mit Foie gras, Pulpo mit Artischocken und schwarzen Oliven, Albacore Tuna und Tartelette aux fraise. Dazu packt Philippe seine Weine aus. Die Domaine ist relativ jung und wird von Philippe und seiner Tochter Emilie geführt. Sie gab auch dem Erfolgswein des Gutes, Cuvée Emilie, den Namen. 1973 startete man mit der Traubenproduktion, die zunächst an eine Kooperative verkauft wurde. Vier Jahre später zog man die Weine selbst auf Flaschen. 1981 schließlich erwarb Desmeure 1,5 Hektar am Hermitage. Heute werden zwei Rotweine und ein weißer Hermitage vom Weingut produziert. Die Rotweine der Domaine warten mit tiefer dunkler Farbe, Mineralität und vollem Körper auf. Aromen von frischen dunklen Beeren paaren sich mit marmeladigen und Lakritznoten und enden in einem langen Abgang. Die Roten haben ein hohes Lagerpotential, selbst der 1999er wirkt noch jugendlich. Der Vollbluthermitage wird mit 157 Euro für den 2003er oder 67 Euro für den 1999er gehandelt. Das sind sie gut und gerne wert.

Die Platzhirsche
Insgesamt teilen sich 18 Erzeuger die 136 Hektar Anbaufläche der Hermitage. (Nicht zu verwechseln mit Crozes-Hermitage, dem angrenzenden, aber lange nicht so wertigen Anbaugebiet.) Der Berg liefert um die 4.200 Hektoliter Rotweine und um die 1.100 Hektoliter edlen Weißen. Big Player sind die Genossenschaften Cave de Tain mit 20 Hektar eigenen Wein- gärten und nahezu zehn Hektar von Winzern, die ihr zuliefern. Legendär und mächtig auch die Kellereien von Maison Chapoutier und Paul Jaboulet Ainé. Natürlich nutzen wir die Gelegenheit, diese auch zu besuchen.

Cave de Tain
Als Weinkenner scheut man bei dem Begriff Genossenschaft normalerweise zurück. Ich möchte an dieser Stelle jedoch diesen Zauderern mit einem Zitat von Robert Parker den Wind aus den Segeln nehmen. “Diese Genossenschaftskellerei erzeugt einige der erstaunlichsten Weine des nördlichen Rhônetals. Die Qualität hat mich umgeworfen.“ Der Exportdirektor Jean-Benoit Kelagopian empfängt uns im Weinshop “La Boutique“ am Weinkeller. Die üppige Verkostung findet in einem hübsch renovierten Bauernhaus inmitten der Crozes-Hermitage-Lagen statt. In der unteren Etage das Restaurant “Umia”, geführt von einem japanisch-französischen Ehepaar – Rica und Frédéric Bau. Das hatten wir doch schon mal? Frédéric ist Art Director bei Valrhona und stellte mir sein Restaurant schon vor ein paar Jahren vor. Damals veranstalteten wir gemeinsam eine Kochsession im soeben errichteten Holzbackofen.
Die Geschichte der Genossenschaft beginnt 1933. Unter der Präsidentschaft von Louis Gambert de Loche vereinen sich auf einen Schlag 100 Weinbauern rund um Tain-l’Hermitage. In den 1940er und 50er Jahren erfährt Cave de Tain ein erneutes Wachstum durch neue Mitglieder aus den Gebieten Saint-Joseph, Saint Peray und Cornas. 2014 investierte die Kooperative noch einmal 10 Millionen Euro in die Modernisierung des Kellers. Heute vinifiziert Cave de Tain 50 Prozent aller Syrah der nördlichen Rhône. Die 359 Mitglieder liefern Wein für fünf Millionen Flaschen und erwirtschaften gut 30 Millionen Euro. Was wird hergestellt? Vin de Pays als Basisweine. Rot, Rosé und Weiß. Weißer Saint-Péray, roter Cornas, roter und weißer Saint-Joseph, Crozes Hermitage Rot und Weiß sowie die Flaggschiffe roter und weißer Hermitage.
Der rote Epsilon 2007 ist eine Besonderheit. Er wird nicht jedes Jahr und wenn nur in kleinen Mengen produziert. 1.500 Flaschen von diesem Jahrgang. Es handelt sich hierbei um eine Traubenselektion. Das Beste der kühlen und das Beste der heißen Teile zweier Lagen. Die 60 Jahre alten Rebstöcke bringen Kraft. Sein Aroma eher ungewöhnlich für einen Hermitage. Kaffee, Mokka, Pfeffer und Brombeere. Begleitet von einem Hauch Leder und einem Anflug von Menthol. Gewaltig lang im Abgang. Komplexität und Finesse. Ein Wein zu Taube oder Wild mit Beeren.
Der rote Grand Classique 2011 zeigt dem Genießer all das, was man von einem schönen Hermitage erwartet. Schwarze Beeren verschmelzen mit einem Aromenuniversum. Pfeffer, Paprika, schwarze Oliven, Speck, Tabak und Kumin. Ein kraftvoller, mächtiger Wein, gut ausbalanciert mit reifer Tanninstruktur. Die Lagencuvée kostet rund 36 Euro. Sein Pendant, der weiße Hermitage Grand Classique 2011, ist für 30 Euro zu erwerben. Der 100-prozentige Marsanne leuchtet herrlich gelb. Akazienblüten, weiße Früchte und delikate Röstnoten bilden sein Aroma. Ein wenig erinnert er an Mersault. Je älter er wird, desto mehr zeigt er nussige Röstnoten. Kein Fehler wie bei anderen Weinen, sondern das natürliche Aromenprofil des Marsanne. Ein Wein ideal zu reifem Käse, zu Charcuterie, Huhn oder Fisch mit würziger Sauce.

Chapoutier
Michel Chapoutier ist eine der Lichtgestalten des französischen Weinbaus. Er war gerade einmal 25 Jahre alt, als sein Vater ihm und seinem Bruder die Leitung des 1808 gegründeten Weinguts übergab. Während sein Bruder sich um das Geschäft kümmerte, arbeitete sich Michel in das Thema Produktion ein. Er erkannte, dass er dem immer anspruchsvoller werdenden Weinmarkt nur mit großer Qualität entgegentreten konnte. Als Vorbildwinzer setzte er auf Terroir, auf die Arbeit im Weinberg, auf Ausdünnung des Traubenmaterials und die individuelle Bewirtschaftung einzelner Parzellen. Im Keller wurden seine Weine konsequent entrappt, um zu starke Tannine zu verhindern. Auch mit dem Einsatz von Holz war und ist er vergleichsweise vorsichtig. Chapoutier hatte rasch Erfolg. Heute ist er Eigner von Weinbergen in allen Spitzenlagen an der Rhône. Seit 1996 sind alle Chapoutier Weinetiketten mit Blindenschrift versehen, eine markante Signifikanz. Auch dafür, dass dieser Winzer über seine eigentliche Tätigkeit hinaus nachdenkt.

Paul Jaboulet Ainé
Bei Paul Jaboulet Ainé werden wir von Bertrand Michat, Exportdirektor für Nordeuropa, empfangen. Unübersehbar prangt der Name des stolzen Weinguts in riesigen Lettern auf eine Mauer gemalt von den Hängen der Hermitage. Symbol für den Stellenwert der Weine, die zu den Besten der gesamten Weinwelt gehören. Alte Bekannte für die meisten Weinkenner. Doch wir sind gespannt, denn seit einigen Jahren wirkt hier eine junge Önologin aus dem Bordeaux durchaus stilprägend. Das Gut wurde 1834 von Antoine Jaboulet im Weinberg Hermitage la Chapelle gegründet. Benannt hat er es nach seinem ältesten Sohn Paul. Die Passion, gute Weine zu machen und die Weingärten perfekt zu managen, führte zu raschen Erfolgen. Nach und nach erwarb die Familie weitere Weingärten entlang der Rhône. So in Saint-Joseph, Cornas, Côte-Rôtie, Châteauneuf-du-Pape oder Saint-Peray. Nach sechs Generationen Jaboulet übernahm 2006 die Weindynastie Frey, mit Erfahrung in der Champagner-Produktion und in der von Bordeaux Weinen, das Gut. Verantwortlich für den Ausbau der Weine ist Caroline, die älteste Tochter der Familie, wie schon erwähnt in Bordeaux ausgebildet, was man an der Stilistik der neuen Weine durchaus spürt. Caroline veränderte einiges. Nun werden die Weingärten ökologisch wie in alten Tagen bearbeitet. Schonend mit Hacke und Pferdegespann. Teilweise erfolgt der An- und Ausbau biodynamisch.
Wir fahren in die Weinberge. Zunächst führt uns der Weg ein Stück durch das Gebiet Crozes-Hermitage, ein geologischer Ausläufer des Hermitage Berges. Hier treffen wir auf zu Lehm verwitterte Granitböden, auf Kies und Geröllflächen vermischt mit rotem Lehm, Löss in höheren Lagen und auf eine Bimmelbahn, die Weintouristen durch die Lagen ruckelt. Dann geht es hinauf auf den Berg, der zur Rhône steil abfällt. Kalk- steinmauern bilden Terrassen und schützen wertvolles Substrat vor dem Rutsch in die Tiefe. Jaboulet bewirtschaftet hier zehn Parzellen, von denen die höchste nahe dem Gipfel auf etwa 300 Metern liegt. Hier bahnte sich einst die Rhône mit Gewalt ihren Weg durch das Zentralmassiv, als während der Eiszeit der Meeresspiegel rasant abfiel. In den höheren Lagen herrscht roter Granit vor, vom Zahn der Zeit zernagt. In einige Lagen hat der Wind Löss geweht. Tiefer am Berg Ablagerungen von Geröll, Sand, Kalkstein und Kies, den die Rhône aus den Alpen hierher schleppte. Herrlich der Blick von der Kuppel auf die Hänge und über “La Chapelle“, die im 17. Jahrhundert errichtete Kapelle, das Wahrzeichen des Berges, hinweg auf die Steillagen Saint-Josephs.

Gute Nachbarschaft
Genauer gesagt auf die Lage Domaine de la Croix des Vignes, dessen wildromantische Granitterrassen über steinerne Treppen zugänglich sind. Die Nachbarlage Saint-Joseph ist nach Crozes Hermitage die zweitgrößte Appellation des nördlichen Rhônetals. Es erstreckt sich rechts der Rhône über rund 60 Kilometer Länge und beherbergt 23 Gemeinden. Den gut 1.100 Hektar Anbaufläche werden ganze 39.000 Hektoliter Wein abgerungen. Auf dem Croix des Vignes sind es magere 25 Hektoliter pro Hektar, die nur mühevoll und arbeitsintensiv erzeugt werden können. Saint-Joseph stellt seine Lagen nicht so fett der prallen Sonne entgegen wie der Hermitage. Eine Ausrichtung nach Südost bringt die besten Ergebnisse. Klar, dass bedingt durch die große Ausdehnung des Gebiets, lokale und mikroklimatische Bedingungen großen Einfluss nehmen. Kühle und trockene Nordwinde prägen das Gesamtklima deutlicher als mediterrane Einflüsse. Südwind wird meist von Regen begleitet. Im Jahresdurchschnitt zwischen 700 und 800 Millimeter Niederschlag. Das ist nicht so wenig, jedoch speichert der karstige Boden schlecht die Feuchtigkeit, und die Sommer gelten allgemein als trocken. Deutlich bezeugt das die begleitende Vegetation in den Hängen. Trockengräser und Kakteen finden dort ihr karges Auskommen. Das Terroir ist dem der Hermitage ähnlich. Neben Granitverwitterungsböden wartet der nördliche Teil mit Gneis auf, ein methamorphes weicheres Gestein mit hohem Feldspatanteil. Am Sockel der Berge sammeln sich Substrate aus Felsfragmenten, Sand und Ton. Im Süden findet man Pferdezahn-Granite mit Feldspat-Kristallen. Ein magerer aber hoch mineralischer Boden. Reich an Kieselsäure, Kalium, Eisen und Magnesium. Weiter Richtung Süd-Rhône die schönen Terrassen von Les Royes, eine Kalkstein-enklave aus dem Mesozokium, dem Erdmittelalter. Auch hier lässt die Appellation nur Syrah als rote Sorte und Roussanne und Marsanne als Weißwein zu. Seit 1980 darf der mächtige Rotwein mit maximal zehn Prozent Weißwein cuvetiert werden. Das macht ihn feiner und nimmt ihm die Mächtigkeit, die aufgrund der kühleren Lagen von Natur aus nicht an die fette Hermitage heranragt. Die Weißweine sind allgemein ausgewogen und üppig, mit schöner gelber Farbe durch die grüne Reflexe blitzen. Zwar sind die Weine des Saint-Joseph seit langem begehrt, schon im 16. Jahrhundert waren die “Vin de Mauves“ die Renner an der Tafel des französischen Königs, doch standen sie wie alles immer im Schatten des Hermitage. So ist heute die Preis-Wert-Relation beachtenswert. Viel Leistung für vergleichsweise wenig Geld.

Prost Mahlzeit
Wir verkosten die Weine im Vineum der Domaine. Direkt am Hauptplatz gelegen und eingebettet in eine bunte Welt von Bars und Restaurants. Ein Ort für Verkostungen, hier kauft man Wein und hier kann man gut und preiswert essen. Das Menü inklusive einem Glas Wein kostet 28 Euro und besteht aus drei Gängen. Der Gast wählt eine von jeweils zwei Möglichkeiten. So das Rillettes de Saumon Fumé oder Toast Tomaté et Citron, danach La Piece de Boeuf de la Maison Belle oder Pommes de terre nouvelles, Sauce Béarnaise und zum Abschluss Assiette de fromages de la Region oder Moelleux au chocolat, – natürlich Valrhona – Coeur coulant à la framboise.

Verkostungsnotitz
Zum Fleisch zeigt sich der schon erwähnte Saint-Joseph Domaine de la Croix des Vignes 2011 genial. Denkbar gut aber auch sicher zu geschmortem Fleisch, Entenbrust oder Lamm. Der “De la Croix“ aus den luftigen Höhen über den Örtchen Mauves und Tournon sur Rhône zeigt das ganze Standing eines granitgeborenen hundertprozentigen Syrah. Die Trauben handgeerntet – wie auch sonst – und sorgfältig sortiert, wurden nach traditionellen Methoden vinifiziert. Die Mazeration erfolgte drei Wochen auf der Schale. Zwölf Monate Fasslagerung, davon 20 Prozent in neuer französischen Eiche, rundete die Grundausbildung ab. Wartet man mindestens fünf Jahre, zeigt sich der Wein mineralisch und offeriert Aromen von schwarzen Kirschen und Erdbeeren. Ein bisschen Rauch begleitet die noblen Tannine. Auf der Zunge schmeichelt er schmelzig weich. Ein Luxuswein, mittelschwer. Glücklich, wer ein paar der zwei bis dreitausend Flaschen, die jährlich produziert werden, erstehen kann. Mit dem Saint-Joseph “Le Grand Pompee“ 2014 probieren wir einen modernen Weißwein der Appellation; hergestellt aus 100 Prozent Marsanne-Trauben von zehn bis 30 Jahre alten Stöcken. Caroline Frey hat ihn bei niedrigen Temperaturen fermentiert und ihn nach biodynamischen Methoden in Betoneiern, aber auch in Stahltanks und einen Teil in Eiche ausgebaut. Der Duft weißer Blumen dominiert die Nase. Auf der Zunge zeigt er Pfirsich, Birne und Marmelade. Ein Wein ideal zur Saumon Vorspeise oder zu weißem Fleisch. In Deutschland ist er im Moment nicht zu bekommen. Wirklich schade.

Die Weinfreaks
Wir fahren etwas weiter hinein in das Weinbaugebiet Saint-Joseph, genauer nach Mauves. Dort besuchen wir ein Weingut, das gerne als Aushängeschild der Appellation bezeichnet wird. Weniger aufgrund seiner Bewertungen, vielmehr weil hier seit zwei Generationen sehr präzise und mit großem Gespür für Terroir gearbeitet wird.
Ähnlich wie bei Jamet an der Côte-Rôtie gibt sich die Domaine Pierre Gonon bescheiden. Ein unscheinbares Haus, an dem man leicht vorbeibraust, wenn man nicht genauestens auf die Hausnummern achtet. Keine stylischen Verkostungsräume, keine architektonischen Kunstwerke für Weintouristen. Schlicht, so wie die Weine der Domaine. Ohne Schnickschnack im Keller. Ehrlich, geradlinig, perfekt. Wir sind um 17 Uhr verabredet. Noch ist niemand zu sehen. Wir schauen uns etwas zaghaft um, da brausen amtlich verschmutzte Pick-ups auf den Hof. Darauf eine muntere Horde Freaks mit zotteligen Haaren und Kopftüchern, ebenso wie die Fahrzeuge vom Erdreich der Weinberge und der Mühsal des Arbeitstages gezeichnet. Es sind Weinbergnomaden, junge Leute, die von Weingut zu Weingut, von Saison zu Saison ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einer von ihnen, vielleicht ein bisschen älter als die anderen, löst sich aus der Gruppe und kommt fragend auf mich zu, “Monsieur Ruhl?“. Es ist Pierre Gonon, der wie immer täglich mit seiner Mannschaft in den Weingärten war, und dabei peinlichst genau darauf achtete, dass akribisch gearbeitet wurde. Den Grundstein für seine qualitative Arbeit legte sein Vater, ebenfalls Pierre. Er bepflanzte die Steillagen des Gutes im Kerngebiet von Saint-Joseph mit Edelreißern des Hermitage Syrah. Extremste Steillagen, teils von Hand in den Granit geschlagen. Heute bewirtschaften die beiden Brüder Pierre und Jean die Domaine. Die Arbeit in den Bergen erfolgt rein manuell. Aus Überzeugung. Biodynamisch. Konsequent reduziert man die Erträge auf eine Menge von 30 bis 38 Hektoliter je Hektar. Traditionell ist die Arbeit im Keller. Die Vergärung erfolgt spontan, zwei bis drei Wochen in offenen Holzbottichen. Die Lagerung dann in 650 bzw. 3.000 Liter großen Holzfässern über 14–16 Monate. Ziel ist es immer, die natürliche Mineralität bestens zum Ausdruck zu bringen. Bei Gonon gibt es jährlich nur einen roten und einen weißen Saint-Joseph. Das bedeutet, dass die Weine immer ein Blend seiner Spitzenlagen sind. Jede trägt ihr Bestes zum Gesamtbild bei. Die Terrassen aus Tournon liefern Cassisfrucht und feine Mineralik. Mauves kommt mit Samtigkeit und Eleganz dazu. Kraft und Tiefe bringen teils 90 Jahre alte Syrah aus Saint Jean.

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