Der „Feinschmecker“-Restaurantführer 2017/2018: Verdrehte Welt und Genussdiktat aus Hamburg

Der FeinschmeckerDass der Kommentar zum neuen „Feinschmecker“-Führer in unserer Abteilung „Gourmet Watch“ und nicht unter News erscheint, hat seine Gründe in einigen verwirrenden Signalen, die uns – abermals – aus Hamburg erreichen. Es beginnt schon im Vorwort, das überschrieben ist: „Eigener Stil statt Mainstream“. Ausgerechnet der „Feinschmecker“ mit seiner auffälligen Vorliebe für Mainstream-Küchen will nun seinen einseitig ausgewählten Favoriten also auch noch einen explizit eigenen Stil zuschreiben, obwohl Köchen wie Gästen seit langem klar ist, dass ein Hauptproblem der deutsche Spitzenküche im internationalen Vergleich eben dieser Hang zum Mainstream ist. Man bewundert vielleicht das Handwerk, fragt sich aber immer wieder, warum denn viele Spitzenküchen der Welt klare regionale und traditionelle Bezüge zeigen, kaum aber die in Deutschland.

Die nächste Merkwürdigkeit folgt auf dem Fuß. „Ehrliche Küche“ wird im „Feinschmeck“ das „Unwort des Jahres“ (nachdem ich vor einiger Zeit die Formulierung “ohne Chichi“ zum Unwort des Jahres erklärt hatte…). Man wischt sich die Augen. Wie oft war es gerade der „Feinschmecker“, der eine „ehrliche“ Küche propagiert hat und sie gerne im Gegensatz zu kreativer/avantgardistischer Küche in Position brachte!

Und richtig, ein paar Zeilen vorher steht es dann auch wieder: die Kritik an kreativen Elementen, an Köchen, bei denen die „Jagd nach Einzigartigem zum Selbstzweck“ wird. Man wolle „Genuss ohne Expeditionsanspruch“. Ist den Leuten beim „Feinschmecker“ eigentlich klar, dass man mit solchen Formulierungen quasi jede kreative Ausweitung disqualifizieren kann? Reicht die Handvoll von kreativ profilierten Restaurants, die es in Deutschland gibt, wirklich aus, um gleich eine solche Keule auszupacken? Und – was ist denn eigentlich Genuss? Will der „Feinschmecker“ vorschreiben, was man unter „Genuss“ zu verstehen hat? Der Führer der „500 besten Restaurants“ gibt dann auch prompt den Kreativen zurückhaltende Bewertungen, wenn sie nicht – wie das „einsunternull“ – gleich ganz aus der Liste fallen.

Ist der „Feinschmecker“ vielleicht das Zentralorgan der genussreduzierten Esser?
Könnte es nicht – andersherum gedacht und gefragt – so sein, dass es Leute gibt, die viel mehr Genuss haben, wenn sie auf kreative Köche und ihre Küchen treffen, als wenn sie eine emotions- und assoziationsarme Hochglanzküche vorgesetzt bekommen? Ist das Verständnis des „Feinschmeckers“ nicht das von genussreduzierten Essern, die enge Grenzen setzen, wann es noch Genuss ist, und wann nicht, und wann es nicht mehr in das kulinarische Lieblingsbild passt? Wir hatten das Alles beim „Feinschmecker“ schon zu früheren Zeiten, wenn es manchmal über die Maßen lange dauerte, bis man sich dann doch zur Aufwertung kreativer Küchen durchgerungen hatte. Das Einschwenken hat man dann als Entwicklung verkauft. Na klar. Wenn man konsequent wäre, müsste man dann eigentlich die Berichterstattung aus der internationalen Spitzenküche weitgehend einstellen. Da gibt es nämlich ziemlich viele, die nicht in dieses genussreduzierte Bild passen…

Man kann nur hoffen.

 

2 thoughts on “Der „Feinschmecker“-Restaurantführer 2017/2018: Verdrehte Welt und Genussdiktat aus Hamburg

  1. Genau das!
    Ich habe vor kurzem mein Feinschmecker-Abo gekündigt, als im Editorial angekündigt wurde, dass es keine Rezepte der Spitzenköche mehr geben werde, sondern nur noch beschriebene „Signature-Dishes“, „weil die Leser das so wöllten“. Das spricht für mich ganz klar dafür, dass „der Feinschmecker“ nicht mehr verstehen möchte, sondern nur dem „Genuss ohne Kopf“ fröhnt, und sich so immer weiter nur noch um sich selbst dreht.
    Danke für Ihren Artikel!

  2. Zufall… ich habe heute mittag an die falstaff-Herausgeber folgendes geschrieben :

    Ihr falstaff-Herausgeberbrief 06/2017

    Grüß Gott,

    Sie beklagen sich über weltweit identische iPhone-Küche und ich frage, ob nicht gerade die Medien … auch falstaff?… dies auf der permanenten Suche nach „Sensationen“ verursachen, um eigene Marktanteile zu sichern.

    Jetzt entdecken Sie gerade wieder „das Traditionelle … mit Kante kochen“ und lösen damit sicherlich bei Ihren Lesern … aber auch bei Köchen … einen neuen Trend/Hype oder was auch immer aus.

    Ich finde es lustig und es amüsiert mich sehr

    Kulinarische Grüße
    Edgar – donAceto – Essig

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