„Der Heilige Helge“ – Geiler is‘ schon

Ich bin in recht bodenständigen Verhältnissen aufgewachsen. Das erklärt zunächst, warum ich in einem 43 Jahre alten Wohnwagen sitze, während ich diese Zeilen schreibe. Ein Wohnanhänger, der von einem 26 Jahre alten Volkswagen gezogen wird. All dies habe ich für meinen diesjährigen Urlaub, zusammen mit meiner Freundin – deren Alter ich hier selbstverständlich nicht verrate – in die Champagne geschafft. Viel wichtiger als das alles ist allerdings, dass eben diese Bodenständigkeit maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Marius Müller-Westernhagen mein erster Berührungspunkt mit Champagner überhaupt war. Auf dem Longplayer „Geiler is‘ schon“ aus dem Jahr 1983, singt der Rabauke aus Düsseldorf am Ende der Strophe: „Dann trinken wir Schampus, bis wir verrecken und wer das nicht geil findet, der kann uns mal.“

Das erscheint zugegebenermaßen alles recht weit hergeholt, ganz egal, aus welcher Perspektive man diese Verkettung von Tatsachen und Ereignissen betrachtet. Von Köln – wo ich mich häuslich niedergelassen habe – in die Champagne, von der Champagne nach Düsseldorf, von Köln in meine Kindheit.

Champagner Cristian Senez

Und es stimmt tatsächlich; all das kam mir unglaublich weit weg vor, als ich mit besagtem Volkswagen durch die von Nebel umgebenen, abgefahrenen Straßen der südlichen Champagne irrte, bis ich ein von Morgentau bedecktes Schild mit der Aufschrift Fontette erblickte. Ich war ein wenig erleichtert, als ich nach beinahe zwei Stunden Fahrt von meinem Campingplatz aus das Ziel, nur mit einer Michelin-Karte von 1979 bewaffnet, doch noch erreicht hatte. Direkt hinter dem Ortseingangsschild befand sich glücklicherweise ein weiteres mit der Aufschrift „Champagner Cristian Senez“ und einem Pfeil darauf.

 

Vielleicht ist das Thema „Zeit“, das ich zu Beginn meiner kleinen Reise angeschnitten habe, das richtige Stichwort, um den weiteren Verlauf meines Besuchs zu verbildlichen. Im kleinen Dorf Fontette, scheint diese nämlich stehen geblieben zu sein. In alten Häusern, mit verwitterten Fensterläden leben alte Menschen, die schon lange vor der Geburt der jetzigen Geschäftsführerin und Tochter des Firmengründers Cristian Senez hier gelebt und gearbeitet haben. Viele sind es allerdings nicht, da das idyllische Dorf nur noch 200 Einwohner beherbergt. Wenige Hundert Meter hinter dem Ortseingangsschild findet sich das junge Champagnerhaus, das zunächst eine unscheinbare Wellblechhalle zu sein scheint.

Adeline führt uns durch das Haus und begrüßt uns in einem fabelhaften Deutsch, was mich ungemein erleichtert, da meine Französischkenntnisse nur Floskeln wie „Je voudrais un beignet, s‘il vous plaît“ oder „Quattre baguette pour le prix de deux“ beinhalten, die einen zugegebenermaßen nur in sehr speziellen Situationen weiterhelfen. Ihre Deutschkenntnisse erlangte sie während ihres Studiums im Bereich Buchhaltung in Thüringen. Sie merkte allerdings schnell, dass ihr dies zu theoretisch war und ihr der Kontakt mit Menschen fehlte. „Dies führte mich immerhin zu Senez!“, erläutert sie uns.

 

Hier ist sie unter anderem für den Export zuständig, wobei „unter anderem“ in einem kleinen Betrieb wie diesem – insgesamt sind nur 10 Mitarbeiter beschäftigt – eine völlig andere Gewichtung hat. „Das Haus ist sehr jung …“, sagt sie, wobei sie es fast schreien muss, weil ein Erntetraktor einen Anhänger voll mit roten Wannen ablädt, in denen sich die ersten Trauben dieses Jahres befinden.

„Cristian Senez hat im Grunde selbst hier gearbeitet …“, führt sie fort. Der Firmengründer war tatsächlich Angestellter in einem sehr kleinen Betrieb, der Champagner an dieser Stelle produziert hat. „Eines Tages, in den frühen 1950ern, beschloss er selbst einige Hektar Land zu kaufen und Wein anzubauen. Schließlich hat er den Betrieb einfach gekauft und übernommen. Es sollte allerdings mehr als 20 Jahre dauern, bevor Cristian Senez seinen ersten Jahrgangschampagner in den Verkauf brachte“, erklärte Adeline weiter.
Der kleine Betrieb um Cristian Senez hat sich zu einem der effizientesten Unternehmen der Gegend gemausert. Zwar ist das Haus nach wie vor familiär und klein, dennoch kommt es mit einer Anbaufläche von circa 28 Hektar auf beachtliche 500.000 Flaschen im Jahr.

Das Dorf Fontette ist in der sogenannten Côte des Bar gelegen. Dieses Anbaugebiet ist der südlichste Teil der Champagne und dabei fast 150 km vom eigentlichen Champagner Zentrum um Épernay und Reims entfernt. Das Mikroklima ebenso wie der Boden des Gebietes unterscheiden sich beträchtlich von denen der Montagne de Reims oder der Côte des Blancs. Während der kreidereiche Boden den Trauben des Chardonnay perfekte Bedingungen bietet, ist der harte Mergelboden in der Côte des Bar dafür verantwortlich, dass der Pinot Noir hier besonders gut gedeiht und somit 85% der 7.000 Hektar Anbaufläche für sich vereinnahmt.

Die Geschichte der Côte des Bar ist eine lange, die von Rückschlägen und Existenzkämpfen geprägt ist. Die Gegend wurde oft – und wird zum Teil noch immer – als das ungeliebte Kind der Champagne bezeichnet. Als südlichster Ausläufer dieser Weinregion weist er einen Boden auf, der dem Burgund schon ähnlicher ist, als den Böden der Montagne de Reims. Der Vorwurf der Konkurrenten aus dem Norden war ganz klar und offensichtlich: Es ist nicht möglich, auf diesen Böden einen echten Champagner zu produzieren. So kam es dazu, dass die Appellation d’Origine Contrôlée (AOC), die für die Champagne im Jahr 1908 das erste Mal eine geschützte Herkunftsbezeichnung darstellte, das Gebiet um die Côte des Bar nicht berücksichtigte und es somit nicht mehr erlaubt war, die dort produzierten Schaumweine als „Champagner“ zu bezeichnen.

Zum Glück haben Franzosen in einer Disziplin ganz besonders großes Talent, und damit meine ich nicht, in ihrer Mittagspause in einer kleinen Brasserie am Straßenrand gekonnt ein Stück Pastete an einer Gauloise brunes vorbeizuschieben. Es liegt in ihrem Blut, gegen Ungerechtigkeiten mit aller Kraft, die sie aufbringen können, vorzugehen. So gingen die Weinbauern und Arbeiter auf die Straße und protestierten lautstark und inbrünstig mit einer schier unendlichen Ausdauer gegen diese Entscheidung. Für viele ging es nämlich um die nackte Existenz, da die Bezeichnung „Champagner“ eine ganz enorme Auswirkung auf den Absatz ihrer Waren hatte – ganz gleich wie gut ihr Wein war.
Die Unruhen, die sich in der Zwischenzeit zu regelrechten Krawallen entwickelt hatten, zogen durch die ganze Champagne. Es dauerte leider noch eine ganze Weile, bis die Region Côte des Bar schließlich 1927 wieder für die Produktion von Champagner zugelassen wurde. Heute ist die Region ein Aushängeschild für besonders charakterstarken Champagner aus kleinen Häusern. Solche, wie die von Cristian Senez.
Der Erntetraktor hupt und bringt mich von diesem kleinen Exkurs wieder nach Fontette im Jahr 2017 zurück. Wir stehen ihm im Weg, während wir uns gerade unseren zu den Kellern des Hauses bahnen. Zeit ist nach wie vor das wichtigste Gut in der Champagne. So auch bei unseren Freunden von Senez, deren größte Stärke in ihren gereiften Jahrgangschampagnern liegt.
„Wir haben letztes Jahr eine Magnum Flasche des Millésime 1988 verkostet …“, erzähle ich Adeline und ein Lächeln macht sich auf ihrem Gesicht breit, während sie uns durch dunkle, niedrige Kellergewölbe führt, in denen Champagnerflaschen aus den unterschiedlichsten Jahren lagern. „Das war eine absolute Offenbarung!“, führe ich fort. „Ich erinnere mich an diesen …“, lacht sie. „Doch die habt ihr leider alle aufgekauft!“
Das kleine Haus unterscheidet sich erheblich von den großen Häusern, die ich mir bisher angeschaut hatte. „Gerüttelt wird maßgeblich maschinell“, erklärt Adeline. Alles andere ist bei der Anzahl der Mitarbeiter nicht möglich und unwirtschaftlich.“

Vieles bleibt trotzdem Handarbeit. Die Flaschen müssen zum Teil händisch gesäubert werden. Einige der besonderen Jahrgänge müssen sogar per Hand etikettiert werden, da das Label aus dünnem Blech besteht, das die Maschine nicht fassen kann. Auch das übernimmt Adeline, wenn es sein muss: „Hier packt jeder überall an.“  Sie führt uns in den gemütlichen Anbau des Hauses zu einer kleinen Verkostung. Wir unterhalten uns bei einem Glas Carte Blanche angeregt über Champagner, über die Champagne und über die schönen Dinge des Lebens. Ein fabelhafter Abschluss für diesen interessanten Besuch – so viel kann ich versichern.

Ich nahm eine Flasche des 1996 Millésime als ein Andenken an unser Treffen mit, bevor ich mich wieder in meinem alten Volkswagen auf den Weg Richtung Épernay machte. Die Zeit scheint tatsächlich in manchen Augenblicken still zu stehen, wenn man durch die verschlafenen Dörfer der Champagne – so wie Fontette – zieht. Der Wertschätzung von gutem Essen und fabelhaftem Wein wird in der Champagne noch eine Krone aufgesetzt, könnte man sagen. Hier scheint es nämlich das Normalste der Welt zu sein, mit einem Glas Champagner zur Feier des Tages begrüßt zu werden. „Zur Feier des Tages“, in seinem vermutlich ehrlichsten Sinne. Zur Feier jedes Tages, jedes Anlasses, jeder Uhrzeit. Für die Menschen in der Champagne ist ihr „Wein“, wie sie ihn immer nur liebevoll, beinahe bescheiden nennen, nämlich ein Teil des täglichen Lebens, ein Teil des „mode de vie“, den man außerhalb der französischen Grenzen nur vereinzelt wiedertrifft. So ist es selbstverständlich, dass man ein Glas Champagner vorgesetzt bekommt, wenn man einen Wein bestellt. Ihren Wein nämlich.

Meine Freundin köpfte den Champagner mit einem betagten Kochmesser, was selbst auf dem Campingplatz keine verwunderten Blicke auf sich lenkte. Wenn man Lust hat, kann man sich ja eine Flasche an der Rezeption kaufen. In einem alten Coca-Cola Kühlschrank, hinter dem Tresen. Zur Auswahl stehen drei verschiedene, die sicherlich auch ihre Vorzüge haben. Wir bleiben bei unserem 1996er Senez, während wir auf alten Campingstühlen sitzen, die mein Vater in seiner Studienzeit gekauft hat. „Nicht alles was alt ist, ist schlecht“, höre ich oft die Leute sagen. Vielleicht ist es gerade das Alte, was besonders ist, denke ich hingegen. Der alte Volkswagen. Die alten Methoden. Die alten Keller und die alten Reben. Ich vermisste in diesem Moment jedenfalls nichts. Und dann trinken wir Schampus, bis wir verrecken und wer das nicht geil findet, der kann …

Na, was schon?

Der heilige Helge

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