Gutes, Neues von der Ostsee

Alle paar Jahre passiert es, dass man von irgendeiner Seite irgendwelche Informationen über ein Projekt zu hören bekommt, die jede für sich nicht besonders spannend oder interessant sind, aber durch die Auswahl der Absender die Sache wieder sehr interessant machen. Vorletztes Mal war es das „Nobelhart & Schmutzig“ in Berlin, dass sowohl von Gästen als auch von Lieferanten und Journalisten und nicht zuletzt von den Kollegen in der Gastronomie zwar kontrovers, jedoch meist positiv diskutiert wurde. Allein die Tatsache jedoch, dass jeder der irgendwas über Berlin zu erzählen hatte, auch das Nobelhart & Schmutzig erwähnte, sensibilisierte mich. Heute ist es nicht nur das meist diskutierte, sondern auch eins der erfolgreichsten Gastronomieprojekte in Deutschland.

Im letzten Jahr erreichten mich ähnliche Informationssplitter. Dieses Mal war es die Ostseeküste und auch hier waren Mitteilungen von ganz verschiedenen Absendern zu hören. Anders jedoch als in Berlin waren die Informationen nicht kontrovers, sondern einhellig. Von Hotelgästen hörte ich von einem entzückenden Hotel direkt am Ostseestrand in Timmendorfer Strand, Gourmets erzählten von einem sterneverdächtigen Restaurant mit superfreundlichem Service und umwerfender Aussicht, Weinfexe berichten von einer liebevoll gepflegten Weinkarte, die sich liest wie eine Liste ihrer Lieblingsweine. Kollegen, die sich vom Betreiberehepaar unterstützt und gestärkt fühlen, ohne dass die geringsten Anzeichen von Konkurrenzneid aufkommen und Lieferanten, die von der hohen Sachkenntnis und dem Qualitätsbewusstsein des neuen Kunden schwärmen. Immer nur Gutes vom Strandhotel Fontana und dem darin enthaltenen Restaurant Horizont.

Nur zwei Informationen passen nicht in die Informationsdichte: Zum einen ist das Hotel recht klein. Ein Haus mit nur 19 Zimmern und Suiten fliegt normalerweise unter dem Radar, wenn nicht gerade Außergewöhnliches passiert.
Zum anderen sind es die Preise. Wir befinden uns am Timmendorfer Strand nicht im sozialen Brennpunkt. Hier ist man durchaus gewohnt, für gute Leistung gute Preise zu zahlen. Die Preise im Fontana und im Horizont scheinen durchweg viel zu niedrig für die dagegenstehende Leistung.
Da ich ein Freund der Ostsee bin, habe ich mir also vorgenommen, die Fakten vor Ort zu überprüfen. Es war alles ganz anders, als ich es erwartet hatte. Ich war ohnehin schon wohlgelaunt, als ich das Hotel betrat, wurde aber schon im Eingang nochmals positiv überrascht. Es war einfach alles so stilvoll. Zurückhaltend, hanseatisch, aber klasse. Den ersten Punkt hat das Fontana schon vor der Begrüßung gemacht. Ich wurde von einer top-freundlichen Mitarbeiterin empfangen, die mich nach meinen Wünschen fragte. Ich sagte, dass ich das Restaurant suchte. Sie wies mir nicht den Weg zum Aufzug und erklärte mir den Weg, nein sie brachte mich bei freundlicher Kommunikation bis ins Restaurant. Dort fragte ich nach Herrn oder Frau Hamester, die mir als Inhaber genannt waren. Kurze Zeit später kam die charmante Hausherrin Julia Hamester und fragte nach meinem Begehr. Ich stellte mich vor und fragte sie, ob ich ihr oder ihrem Mann ein paar Fragen stellen dürfe. Sie sagte: „Natürlich“, und bat mich, Platz zu nehmen. Das war etwa um 11:45 Uhr.
Da das Frühstück hier ziemlich lang serviert wird, fängt der Mittagstisch erst um 12:30 Uhr an und mein Plan war es, mein Wissen bis dahin zu befriedigen und dann noch einige Kleinigkeiten zu probieren. Es lief aber dann ganz anders.Um es vorwegzunehmen, ich saß um 14 Uhr immer noch am Tisch. Um 13:30 Uhr war auch Ehemann Sebastian zu uns gestoßen, der uns zuvor mit kulinarischen Kleinoden richtig verwöhnt hatte.
Hier möchte ich schon mal festhalten, dass die perfekten Sushis und der absolut auf den Punkt gebratene topfrische Fisch mich wirklich und restlos begeistern konnten. Was mich jedoch mindestens gleichermaßen begeisterte, war die Geschichte der jungen Unternehmerfamilie.
Er, ausgebildeter Versicherungs- und Bürokaufmann in sicher verankerter Stellung in der elterlichen Firma, erleidet im Erwachsenenalter einen fast tödlichen Unfall und muss monatelang gesund gepflegt werden. In dieser Zeit kam der Sinneswandel. „Ich habe keine Lust dieses wertvolle und kurze Leben lang einen Beruf auszuüben, der mir nicht gefällt.“ Wieder genesen beschloss Sebastian Hamester, eine dritte Ausbildung zum Koch zu machen. Er war damals schon älter als sein Ausbilder. Nach bestandener Prüfung folgten Auslandsaufenthalte und Stages bei namhaften Kollegen. Talent wurde ihm schon früh bescheinigt. Sein spezielles Interesse – frische Sushis – perfektionierte er beim selben Sushi-Meister, bei dem auch schon Steffen Henssler seinen letzten Schliff erarbeitete.
2017 wurde das Hotel Fontana nach einem elfjährigen Dornröschenschlaf als Hotel Garni und einer großen Erweiterung neu eröffnet. Seitdem kocht Sebastian Hamester in der Oberliga der Ostseeköche. Nicht nur in seinem neuen Hotelrestaurant Horizont, sondern auch auf Veranstaltungen, Schulter an Schulter mit den anderen verdienten Ostseeköchen wie zum Beispiel dem Sternekoch Lutz Niemann aus dem Restaurant Orangerie im Maritim Seehotel.
Anerkannt von den Profis und geliebt von den Gästen blüht Sebastian Hamester im Restaurant Horizont auf und lebt seine Berufung. Doch gute Küche allein reicht nicht, um ein Hotel nebst Restaurant bekannt, beliebt und erfolgreich zu machen. Hier kommt Julia Hamester ins Spiel. Überflüssigerweise entschuldigt sie sich oft dafür, dass auch sie eine Quereinsteigerin ist. Würde sie es nicht sagen, würde man es nicht merken. Selbstbewusst und charmant empfängt sie nicht nur ihre Gäste, sondern bringt dieses ganze Hotel auf einen Punkt, den man nicht lernen kann. Stilsicher und kompromisslos führt sie das Hotel auf höchstem Niveau und ist sicher oft dankbar, dass sie mit Sebastians Mutter Angelika eine liebevolle und allzeit aufopfernde Hilfe hat.
Bis hierhin ist ja alles eitel Sonnenschein. Doch es gibt auch eine Schattenseite, von der ich nicht weiß, ob ich sie verraten soll. Es sind die Preise in diesem Etablissement. Sie sind durchweg zu niedrig. Die Zimmer und Suiten werden selbst in der Hauptsaison und mit Meerblick selten über 200 Euro angeboten. Die Speisen und die Weine sind dermaßen moderat kalkuliert, dass, wenn es sich herumspricht, es vorbei ist mit spontanen Restaurantbesuchen und kurzfristig gebuchten Wochenendzimmern. Dann muss man reservieren und lange im Voraus buchen. Sie verstehen mein Dilemma. Ich würde diesen Geheimtipp gerne für mich behalten. Die Familie Hamester verdient es jedoch, dass ihr Haus populär und zum Hotspot in Timmendorfer Strand wird. Da muss ich meine privaten Bedürfnisse wohl hinten anstellen.

Herzlichst,
Ihr Ralf Bos

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