Poor Fool

Es gibt zwei Dinge, an denen ich ausmachen kann, dass es Frühling wird. Erstens, es wird mir immer öfter zu warm in der Jacke, sei es auch nur eine leichte aus Jeansstoff. Ich fange schon bei den alltäglichsten Arbeiten darin zu schwitzen an und fühle mich unwohl. Diese Erkenntnis kann sich in diesem schönen Land oft als Trugschluss herausstellen. Oft, wenn die Jacke gerade mit anderen Winterklamotten im Keller gelandet ist, weil man der Meinung war, dass es nun wärmer werden würde, schlägt uns das Wetter ein Schnippchen und es wird noch ein letztes Mal und auf einen Schlag so bitterkalt, dass wir wieder in den Keller müssen (und ich glaube, dass ich den Zustand meines Kellers bereits an der ein oder anderen Stelle erwähnte), um den Krempel für eine letzte Woche voller Kälte wieder hochzuholen. Der zweite Hinweis ist dahingehend etwas zuverlässiger. Es kommt öfter vor, dass ich mit meiner Lebensgefährtin – wir sind beide hingebungsvolle Barflies – einen Spaziergang von der letzten Bar nach Hause mache. Dabei spielt es gar keine große Rolle, wie weit entfernt diese Bar ist, es geht um die Zeremonie selbst. Man kann sich noch etwas die Beine vertreten, ich meinen letzten Old Fashioned und sie ihren letzten Gimlet etwas sacken lassen und die Stille und Zweisamkeit nutzen, um einige Passagen aus der „Rocky Horror Picture Show“ zu rezitieren. Und ich glaube wir alle wissen, was ich mit „rezitieren“ an dieser Stelle meine. Nun kommen wir zurück zu meinem Frühlingsbarometer. Wenn ich feststelle, dass nicht nur sie und ich den frühen Morgen mit unserem Gesang begrüßen, sondern auch unsere kleinen Freunde in den Bäumen zirpen und zwitschern, dann meine lieben Leser, hat für mich der Frühling begonnen. Bevor ich allerdings meinen dieswöchigen Cocktail vorstelle, möchte ich eine meiner Lieblingsanekdoten zum Thema Frühling zum Besten geben. Sie haben doch nichts dagegen, oder?

Ich wachte eines morgens auf, mit einem Gefühl, dass mich schon so manches Mal bestochen hatte. Es war ein Sonntagmorgen und da war diese innere Anspannung, keine aufgrund von Nervosität, sondern dieses Gefühl, das man nur an einem Sonntagmorgen spüren kann. Ich kann schwer sagen woher diese Emotion kommt. Manchmal – so meine ich zumindest beobachtet zu haben – ist vielleicht eine Idee, die uns ein Drink am Samstagabend in unseren Kopf gepflanzt hat, ein Ausspruch, den man unter einhelligem Gelächter abgetan hat, über Nacht zu etwas gereift, zu etwas Handfestem oder sogar einem Plan. Ich hatte zu dieser Zeit einen neuen Job angetreten, der etwas außerhalb der Innenstadt lag und in Zuge dessen oft daran gedacht mir einen Motorroller anzuschaffen. Immer, wenn sich Umstände in meinem Leben ändern, komme ich recht schnell an den Punkt, an dem ich mir die Frage stelle, wie ich dieser neuen Entwicklung meine Handschrift aufsetzen kann. Natürlich hätte ich einfach in den nächsten Baumarkt oder das nächste Zweiradgeschäft fahren und mir ein praktisches Gefährt aussuchen können – das hätte sicherlich einige Vorzüge gehabt und hätte generell unter der gemeinsten Erfindung der Langweiler dieser Welt, nämlich der „Vernunft“ verbucht werden können. Das wäre dann allerdings nicht meine Handschrift gewesen. Sie mag etwas zittrig sein, dann und wann, vielleicht hat sie ab und zu etwas Schlagseite. Dass sie unleserlich ist, möchte ich nicht abstreiten, aber es ist meine und nur meine. So kam es also, dass ich mich im Pyjama bekleidet an meinen PC setzte und nach alten Mopeds suchte. Ich kannte mich nicht wirklich aus, doch schwirrten mir immer und immer wieder Markennamen durch den Kopf, die ich aus Erzählungen und Büchern aufgeschnappt und abgespeichert hatte. NSU Quickly, Kreidler Florett, Zündapp Bergsteiger. Beflügelt von den endlosen Möglichkeiten des Internets, sah ich ein Inserat, das mich sofort in seinen Bann zog. Es war eine Zündapp Combinette aus dem Jahr 1959. Ein Jahr, in dem – so bilde ich mir gerne ab und zu ein – ohne Zweifel alles besser gewesen sein musste. Die Männer trugen Hüte auf den makellos frisierten Köpfen und die Damen Petticoats unter ihren farbenfrohen Kleidern. Es war eine Zeit, in der die Leute ein Bewusstsein für die schönen Dinge des Lebens hatten. Eine Zeit in der eine Prise Chrom ein Auto nur noch schöner machen konnte, in der die weißen Flanken der Autoreifen nicht groß genug sein mochten. Eine Zeit in der die Menschen zäher, die Partys wilder und die Beine der Frauen länger waren. Eine Zündapp Combinette von 1959. Ja, diese und keine andere sollte es sein!

Es war früher Nachmittag, als ich das Moped, das ich ohne große Umwege erstanden hatte, mit einer Holzbohle aus dem VW-Bus rollen ließ. In meiner Vorstellung war ich mit meiner Freundin zusammen zu Santo & Johnnys „Sleepwalk“ in den Sonnenuntergang gerauscht. Doch als es zuhause so vor mir stand, auf platten Reifen und ohne Sitzbank, hatte das alles sehr wenig von nostalgischer Romantik. Meine Freundin machte auch nicht den Eindruck, als würde sie mich gleich anhimmeln wollen, während sie hinter mir auf dem Moped sitzt und sich festhält. Sogar ganz und gar nicht. Ich konnte ihrem zerknirschten Gesichtsausdruck nur wenig Aufmerksamkeit schenken, weil ich damit beschäftigt war das Benzin, was aus dem undichten Tank lief, mit einem Lappen aufzufangen.

„Nicht übel, was?“, fragte ich sie voll ungebändigtem Stolz. Sie drehte sich um und ging, so, wie sie es oft tut, wenn sie merkt, dass sie sich mit meiner Narrheit keinen Wettkampf leisten möchte.

Ich hatte das Moped derweil mit einem alten, schweren Fahrradschloss an einer Laterne befestigt und mich dem offenbar undichten Benzinhahn gewidmet. Ich war völlig in meinem Element, als ich mit öligen Händen vor meinem neuen Schätzchen saß und abwechselnd Schrauben löste, fluchte und Schrauben wieder festzog. Die Reifen, die ich im Internet bestellt hatte, sollten leider erst in der darauffolgenden Woche kommen und so kam es, dass ich den Benzintank füllte und nur testen konnte, ob der Motor ansprang – und genau das tat er. Ich machte alles sauber und ließ das Moped an der Laterne angebunden zurück.
Schon im Treppenhaus dachte ich darüber nach, ob ich den Benzinhahn wirklich vernünftig abgedichtet hatte. Auch, als ich das Abendessen zubereitete, überkam mich der Gedanke, was wohl passieren würde, falls ich ihn nicht wirklich hatte abdichten können. Sogar beim Essen fiel es mir schwer, sich von dem Gedanken zu lösen. Mitten in der Nacht, als ich schweißgebadet im Bett saß, malte ich mir aus, wie ein Feuerwehrlöschzug das auslaufende Benzin einzukreisen versuchte. Ganz zu schweigen von der Massenkarambolage, die die Benzinpfütze unter meinem hilflosen Moped verursacht hatte. Krankenwagen reihten sich neben Mannschaftswagen der Polizei und schließlich fand ich mich in einem Gerichtssaal wieder, in dem ich für eine lebenslange Haftstrafe verurteilt wurde.

„Schatz? Schläfst du schon?“, flüsterte ich vorsichtig.

Die Vögel zwitscherten, als meine Freundin und ich im Pyjama neben dem Moped standen, mit einem alten Aquariumsschlauch und einer Colaflasche bewaffnet, um den Benzintank leerzupumpen – nur für alle Fälle versteht sich.

Für den dieswöchigen Cocktail geben wir 3 cl Tequila, 1 cl Cointreau, 2 cl Limetten- und 6 cl Mandarinensaft in einen Cobbler-Shaker ohne Eis. Ein Barlöffel Eiweißpulver wird ebenfalls dazugegeben und das Ganze wird einige Sekunden mit der Strainer-Spirale dry geshaked. Wenn alles luftig und schaumig ist, geben wir einen Dash Aromatic Bitters, sowie einige Eiswürfel dazu und schütteln 30 Sekunden bis der Shaker beschlägt. Mit dem Strainer und durch ein Barsieb wird der Cocktail in einen schönen Tumbler mit Eiswürfeln gegeben und mit einer Orangenscheibe und Zeste garniert.

Und nun liebe Leserinnen und Leser, lehnen Sie sich zurück und lassen es sich schmecken. Auf den Frühling, auf die Dummheiten – und darauf, dass beides immer wiederkehrt, ganz gleich wie lange es verschwunden war!

* Zutaten bei BOS FOOD zu bestellen: Alacran Tequila (Art. Nr. 46555) • Cointreau Orangenlikör (Art. Nr. 21363) • Aromatic Bitters (Art. Nr. 25942) • Eiweißpulver (Art. Nr. 22452)

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