Pop!? Der französische Gault&Millau versucht einen neuen, alten Begriff zu lancieren.

Im Herbst des letzten Jahres benutzte man im französischen Gault&Millau-Magazin erstmals den Begriff „Pop“, um eine bestimmte Art von Küche zusammenzufassen und zu charakterisieren. In der letzten Ausgabe des GM-Magazins lässt man nun die Katze aus dem Sack und präsentiert 285 Adressen für die „Gourmets 2.O“ und nennt sie auf dem Titel „Kantinen, Coffee Shops, Street Food, Bar à Cocktails…“.
Stimmt der Begriff und was will man mit ihm sagen? Hat er etwas mit dem zu tun, was man bei „Popmusik“ oder bei „Pop-Art“ unter „Pop“ versteht? Hier ein Blick auf einige Zusammenhänge.

„Pop“ wie „populär“ im Begriff „Popmusik“
In der Popmusik geht man mit dem Begriff radikal um. Hier geht es im Grunde nicht um spezielle Sonderformen, sondern oft um das, was wirklich zählbar populär ist. Darunter fällt auch regelmäßig Musik, die nach üblichen Kriterien bei weitem nicht als „gut“ gilt. Populär ist, was gut ankommt und das Lebensgefühl größerer Teile der Bevölkerung trifft. Punkt. Wenn man diesen Popbegriff auf Essen umlegt, müssten Mc Donalds und Co. „Pop“ sein, die Brauhäuser und Biergärten ebenfalls und natürlich auch industrielles Essen aus dem Pappkarton. Das kann es ja wohl nicht sein, was dem Gault&Millau vorschwebt.

„Pop“ wie „populär“ im Begriff „Pop-Art“
Die Pop-Art (etwa: Mitte der 1950er Jahre bis in die 1970er) war revolutionär, weil sie zum ersten Mal in der Geschichte der Kunst absolut banale Alltagsgegenstände und Themen als Objekte von Kunst aufnahm und als Kunst deklarierte. Vorläufer waren Dinge wie das Pissoir oder der Weinflaschenständer von Marcel Duchamp, Legende wurden die Bilder und Objekte von Andy Warhol (von den „Brillo-Boxes“ bis zu graphisch bearbeiteten Elvis-Fotos) oder Roy Lichtenstein, der z.B. riesig vergrößerte Comic-Bilder und Ausschnitte produzierte. „Pop“ in diesem Verständnis war vor allem eine andere, ästhetisch isolierende und verfremdende Sicht auf die Dinge. Man holte die Dinge aus ihrem normalen, trivialen Zusammenhang und entwickelte eine neue Sicht auf sie. Auch so etwas scheint nicht das zu sein, was man bei Gault&Millau meint, obwohl es in der Kochkunst Ansätze gibt, die an die Pop-Art erinnern. Wenn der belgische Drei-Sterne-Koch Pieter Goossens („Hof van Cleve“, Kruishoutem) zum Beispiel die Imbisskultur seiner flämischen Heimat aufnimmt und von Pommes über Fleischrollen bis zu Mayonnaise und Fischgerichten den kulinarischen Alltag aufnimmt und per Finesse verfremdet, hat das etwas von den Gedankengängen der Pop-Art.

Die Gault&Millau-Auswahl verrät ein enges Szene-Verständis. Mehr nicht.
Bei der Auswahl der Restaurants kann man schon wegen der Verteilung der Adressen stutzig werden. Der weitaus größte Teil stammt aus Paris, ergänzt durch ein paar Adressen in Bordeaux, Lyon und Marseille. Die Fotos der Protagonisten und des Essens zeigen vor allem großstädtische „Foodies“ mit all ihren Klischees, die meist etwas mit Preisen, mit der passenden Inneneinrichtung und vielen „Szene“-Signalen zu tun haben, aber nicht unbedingt zwingend mit einem vertieften Interesse am Essen, das eben keine Grenzen kennt. Es geht in Richtung Burger, Weltküche. To-Go-Adressen und im Grunde sehr, sehr Vieles, das nur noch teilweise an französische Küche erinnert. Auf den ersten Blick scheint das etwas mit „Bistronomie“ und ähnlichen Dingen zu tun zu haben. Tatsächlich bewegt man sich mit den „Pop“-Adressen auf einer Stufe unterhalb dieser Ebene, und zwar da, wo die Esskultur auf Snacks und – salopp gesprochen – langes Rumsitzen im richtigen Ambiente mit den richtigen Leuten verkürzt wird.

Eine solche Auswahl von Adressen ist natürlich kein Problem und im Prinzip gar nicht so schlecht. Was verstimmt, ist, dass man bei Gault&Millau versucht, die Sache so groß aufzublähen und ihr eine gastronomische und kulinarische Bedeutung zu verleihen, die sie nicht hat. Es sieht z.B. nicht so aus, als ob hier irgendetwas kulinarisch Eigenständiges entstanden wäre. Es sieht aber sehr wohl oft danach aus, als ob man sich bei den kulinarischen Kreativen bedient und sozusagen sein Süppchen mit deren Ideen kocht. „Pop“ in dieser Lesart ist – was den kulinarischen Inhalt angeht – schlecht gefüllt. Es ist der Versuch, aus vermutlich kommerziellen Gründen einer Szene Bedeutung zu verleihen, die es nicht wirklich verdient. Man sollte bei Gault&Millau aufpassen, dass man sich mit solchen Dingen nicht selber das Wasser abgräbt. Auf eine gute „Pop“-Küche müssen wir wohl noch eine Zeit lang warten.

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