Rätselhafte Entwicklungen bei der Süddeutschen Zeitung

Nein, es geht heute nicht noch einmal um die oft sehr merkwürdigen Restaurantkritiken der Süddeutschen Zeitungen, bei denen scheinbar zufällig Höchstnoten auch für eher schlichte kulinarische Leistungen vergeben werden. Es geht um eine Sache, die in der gestrigen Ausgabe ins Auge fiel (also der vom 12.3.2019), oder – besser gesagt: nicht wirklich ins Auge fiel, sondern selbst das Auge so irritierte, dass ich dreimal hinsehen musste. Mitten auf der Titelseite prangte – wenn auch nicht als Aufmacher – ein Art Kasten mit einem kulinarischen Thema. Und dabei ging es nicht um den Tod eines berühmten Kochs oder darum, dass die Bundesregierung vielleicht einen Würzindex für industrielle Fertignahrung plant, der verhindern soll, dass sich die Bevölkerung immer weiter an die gedopten industriellen Geschmacksbilder gewöhnt. Nein, das Thema war „Sülze“. Die Überschrift des Textes lautet: „Glibber für Gourmets“, Untertitel: „Sülze ist wieder gefragt – sogar in der Spitzengastronomie“. Noch einmal: auf dem Titelblatt der Süddeutschen Zeitung geht es um Sülze!!! Unfassbar.
Was ist hier passiert, was passiert da?

Ist das Thema eine solche Würdigung wert?
Wenn man die Themen der Titelseiten großer überregionaler Zeitungen auf ihre Relevanz untersucht, könnte man natürlich zu dem Schluss kommen, dass die wirklich relevanten Dinge des täglichen Lebens dort normalerweise nicht vorkommen. Und da könnte man dann durchaus zu dem Schluss kommen, dass eine gute Sülze mit Bratkartoffeln und Remoulade dem Leser sehr viel näher steht als etwa die Meldung unter dem Sülze-Text, dass die USA die Bundesregierung vor Huawei warnen oder dass die Politkomiker aus Großbritannien die siebenundneunzigste Abstimmung über den Brexit abgehalten haben – diesmal mit über die Frage, ob man Brexit mit „x“ oder vielleicht doch mit „ck“ schreibt. Aber im Ernst: das Thema ist selbstverständlich einer Würdigung wert, weil es eine hübsche Sache ist, wenn so sinnvolle und gute Erfindungen wie eine Sülze wieder in Mode kommen, zumal man mit ihr auch noch alle möglichen Varianten praktizieren kann. Aber selbst ich – wenn ich das einmal so sagen darf – würde niemals auf die Idee kommen, so etwas auf der Titelseite zu platzieren.

Beginnt nun der kulinarische Umbau der Gesellschaft?
Vor einigen Jahren oder seit einigen Jahren ist immer mal wieder vom ökologischen Umbau der Gesellschaft die Rede. Ich habe das Thema vor Jahren schon einmal aufgenommen und gefordert und begründet, dass der effektivste Umbau der Gesellschaft in einer für alle Seiten positiven Form der kulinarische Umbau wäre. Wenn man nämlich die vielen guten Ideen rund ums Kulinarische konsequent entwickeln würde, hätte man nicht nur einen großen Lustgewinn für fast alle Leute, sondern auch ein gesünderes Leben, eine weniger zerstörte Umwelt, belebte Plätze mit vielen Restaurants wie in italienischen Altstädten, mehr Kommunikation von geselligen Leuten und nicht zu vergessen ein besseres Leben für die Tiere, denen man nur das Beste gönnen würde, damit es ihnen gut geht und sie überragend schmecken.

Deutet sich also bei der Sülze der Süddeutschen Zeitung ein vorsichtiger Schwenk zum kulinarischen Umbau der Gesellschaft an? Will man dezent eine wirklich reelle Politik nach vorne bringen, die Bezug zum Leser hat, die ihn da abholt, wo es für ihn wirklich interessant wird? Wird man demnächst lesen können, dass ein Forschungsauftrag an die Universität München ergangen ist, um endlich die optimalen Kerntemperaturen für Wurzelgemüse zu ermitteln? Irgendetwas muss doch dahinter stecken!

Vielleicht auch nicht. Nehmen wir es als ein amüsantes Zeichen, ein winziges Stückchen Leben in einer journalistischen Szenerie, von der man auch schon mal den Eindruck haben könnte, sie müsste ab und zu einmal durchlüftet werden. Entspannt Euch einmal einen Moment. Die Sülze auf der Titelseite ist auf keinen Fall absurder als die Brexit-Diskussion, man wird den Text, der übrigens die Sache durchaus ganz normal behandelt – einmal abgesehen davon, dass die Sülze in der Fassung von Tim Raue vielleicht nicht ganz zum Thema passt – lesen und schmunzeln und ihn vielleicht nahe bei sich finden. Für mich ist die Sache schon lange völlig normal. Wenn ich zu Hause nicht kochen kann oder will und vor allem wenn ich in Frankreich oder Belgien bin, geht es immer wieder zum Traiteur und ich kaufe Terrinen aller Art, Jambon persillée, alle die traditionellen Basteleien, die in guten Fällen hervorragend schmecken können.

Sagen wir es so: Titelseite ist schön, sehr lustig, danke, muss aber nicht sein. Etwas verbesserte, strukturiertere Arbeit weiter hinten im Blatt täte es auch.

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