Rowan Park

Ich habe eine starke Verbindung zu Großbritannien. Habe ich das schon einmal erwähnt? Ich glaube nicht. Und wenn doch, dann haben sie leider Pech gehabt, denn ich werde es dennoch erzählen. Das ist das Schöne am geschriebenen Wort, sie können mich nicht unterbrechen. Sie können aufhören zu lesen (was ich zugegebenermaßen mehr als bedauerlich fände), aber selbst das würde nichts an der Tatsache ändern, dass ich meine Geschichte zum Besten geben werde. Anders ist es, wenn ich mich mit meiner Freundin über Großbritannien unterhalte. Wenn ich davon erzähle, scheint es für sie gleichbedeutend mit dem Moment zu sein, in dem man den Tisch abräumt, die Wäsche aufhängt, die Katzen badet oder seine Einkommenssteuererklärung des letzten Jahres in Angriff nimmt. Sie verlässt meist vorsorglich den Raum, wenn ich ihr von meinen Abenteuern in meinem geliebten England erzählen möchte. Unser Haushalt ist in dieser Hinsicht etwas gespalten. Während meine Freundin eher frankophil orientiert ist, bin ich anglophil veranlagt. Das stimmt natürlich nur in Teilen, denn ich bin ein großer Freund der französischen Küche und genieße die Natur und den mode de vie immer, wenn wir dort sind. Andererseits hat sich meine Freundin auch noch nie über meinen cream tea beschwert. Wenn ich ihr von meinem Plan erzähle, dass wir eines Tages in ein altes, verlassenes Anwesen irgendwo in Kent oder Sussex ziehen, ist sie meist nicht sonderlich angetan. Sie zieht es eher in die Champagne oder in die Cognac Region. Aber sie ist gerade nicht hier, um mich zu unterbrechen. Fabelhaft. Das Anwesen, was sich in meiner blühenden Phantasie aus dem Nichts und zu einem regelrechten Schleuderpreis aufgetan hat, ist über eine lange und geschlängelte Auffahrt zu erreichen. Zunächst passiert man ein schwarzes, schmiedeeisernes Tor mit der Aufschrift „Rowan Park“. Das ist bezeichnend, denn wenn man das Pförtnerhäuschen und Edwin – den darin tätigen Pförtner – hinter sich lässt, bemerkt man schnell, dass der Vorhof von alten, massiven Ebereschen gesäumt ist. Der perfekte englische Rasen, der am Vormittag frisch gemäht worden ist, verströmt mit einigen zu Tieren geformten Liguster-Hecken einen so wunderschönen, floralen aber dennoch würzigen Duft, dass man ihn packen, in Flaschen abfüllen und an seine Liebsten verschenken möchte, damit man sie an diesem wunderbaren Erlebnis teilhaben lassen kann.

Das Haus ist ein Kalk-Sandstein-Bau, so wie er in der Gegend öfter anzutreffen ist. Das Anwesen ist von einem länglichen Grundriss und besteht aus zwei einzelnen Teilen. Das Haupthaus, das in seiner Bauart im Stile des 17. Jahrhunderts gehalten ist, wirkt beinahe noch etwas anmutiger, als der kleinere Flügel, der für die Küche, die Wäscherei und das Personal gedacht ist. Wobei wir nur noch einen tapferen und tüchtigen Assistenten und Butler bei uns beschäftigt haben, der uns hilft, das Anwesen in Schuss zu halten – sein Name ist Henry, doch dazu später mehr. Wenn man sich auf den beschwerlichen Weg macht, kommt man nach einiger Zeit zu einer schweren, braunen Holztüre, die einen Löwenkopf aus dunklem Messing in ihrer Mitte hat. Es handelt sich um den Türklopfer. Doch, noch bevor man in den Genuss, seines tiefen dumpfen Klopfens kommt, öffnet Henry die Türe und bittet uns herein. Der beige Splitt, mit dem die gesamte Auffahrt aufgeschüttet worden ist, streift man sich auf der dicken Reisig-Fußmatte ab, bevor man die geflieste Eingangshalle betritt. Über eine geschwungene Treppe führt Sie Edwin in die Bibliothek, die gleichzeitig mein Arbeitszimmer ist.

Dunkelbraune Bücherregale säumen den gesamten Raum. Am Ende des großen Zimmers befindet sich ein bodentiefes Sprossenfenster, dass einen Blick auf den atemberaubenden Garten gewährt. Vor diesem stehe ich, höchstpersönlich, mit einem Frockcoat bekleidet und einem Einstecktuch im Hemd. „Nur zu, nehmen Sie doch Platz“, rufe ich Ihnen zu und deute auf die beiden Chesterfieldsessel, die vor dem Kaminfeuer stehen. Es ist zwar nicht wirklich kalt, doch geht ein schneidiger Wind ab und zu, durch die Hallen des alten „Rowan Parks“, so wie wir das Anwesen selbst mittlerweile schlichtweg nennen. Auf meinem Schreibtisch sind allerlei Schriften verteilt, einige Bücher liegen dort ebenfalls aufgestapelt. Die Leiter an einem der Regale zeigt Ihnen, woher ich sie entnommen habe. Ich schreite zu Ihnen und werfe dabei galant einen Blick auf meine Taschenuhr, bevor diese wieder in meiner Westentasche verschwindet. Meine Freundin sitzt nur zwei Räume weiter, im „Rosenzimmer“, wie sie es bezeichnet. Der Name kommt von der französischen Tapete, die oberhalb der Holzvertäfelung ihr Nähzimmer schmückt.

„Meinen Gästen biete ich gerne einen Whiskey an, von Islay oder aus den Highlands…“, erkläre ich Ihnen, während ich zu einem kleinen Guéridon schreite. „Aber meinen Freunden, schenke ich gerne einen Cognac ein“, führe ich aus, bevor ich Ihnen einen Cognacschwenker reiche, um mich schließlich in den Chesterfieldsessel neben Ihnen fallen zu lassen.

Wir nehmen beide einen großzügigen Schluck unseres Cognacs, bevor wir merken, dass sich in unserem Inneren alles entspannt. Wir werfen beide einen Blick auf die britische Jagdszene, die über dem Kamin ihren Platz gefunden hat. Sie erinnert mich an unsere hofeigenen Corgis und Jack-Russel-Terrier. Whiskey für meine Gäste, Cognac für meine Freunde. Können Sie sich vorstellen, was ich hier meinen besten Freunden kredenze? Na dann passen Sie gut auf!

Für unseren Drink müssen wir diese Woche etwas Vorarbeit leisten – oder Henry bitten, diese für uns zu leisten, wenn einer im Haus und verfügbar ist. In 500 ml klares (am besten gefiltertes), kaltes Wasser geben wir einen Beutel unseres Earl Grey Tees. Diesen lassen wir in einem verschließbaren Behälter circa 18 Stunden ziehen. Dieses Verfahren nennt sich „cold brew“. Dieses Oxymoron bezeichnet eine Technik, in der Getränke, die für gewöhnlich gebrüht werden (Kaffee, Tee, etc.), kalt aufgesetzt werden. Die Auslaugung des jeweiligen Produkts nimmt zwar erheblich mehr Zeit in Anspruch, sorgt aber dafür, dass man gewisse Aromen besser herauskitzeln und andere gar nicht erst entstehen lassen kann. Bei unserem Earl Grey Tee wären dies zum Beispiel die adstringierenden, leicht bitteren Geschmacksstoffe, die wir nicht in unserem Sirup haben möchten. Nach der Ziehzeit entnehmen wir den Teebeutel, geben in die Flüssigkeit 300g weißen und 200g braunen Zucker, sowie eine angeschlagene Kapsel Kardamom und eine halbe Zimtstange. Jetzt wird alles zum kochen gebracht und darf einige Minuten köcheln. Die Gewürze werden abgeseiht, der Sirup in Flaschen gefüllt und kaltgestellt. Jetzt kann die eigentliche Arbeit beginnen. Wir brauchen ein schönes Rührglas, das mit Eiswürfeln gefüllt ist. Wir geben 4 cl des Cognac, 2 cl des Earl-Grey-Sirups, 1 cl Italicus Bergamotte Likör, 1 BL Zitronensaft, 2 Dashes Bitter Truth Lemon Bitters und einen Tropfen (ja, nur einen Tropfen!) Kilchoman Machir Bay dazu. Jetzt wird alles 30 Sekunden kaltgerührt und in ein Glas mit frischen Eiswürfeln abgeseiht. Zum Schluss wird eine Zitronenzeste über dem Drink ausgedrückt und dazugegeben.

Alles ist verschwunden, Rowan Park, Edwin und Henry, die Bibliothek und das Rosenzimmer. Geblieben sind Sie und ich. Und der Drink natürlich. Immerhin das. Zurück in der Realität mag das alles sehr merkwürdig klingen, doch hatte ich schon immer einen Hang zum Merkwürdigen, zum Obskuren, schon immer eine blühende Phantasie. Vielleicht kann ich meine bessere Hälfte ja einmal dazu bewegen mein geliebtes England zu besichtigen, mit dem VW-Bus durch die Yorkshire Dales zu fahren und am Straßenrand Schafe zu streicheln. Durch eine gotische Innenstadt zu laufen, auf der Suche nach einem geeigneten Tearoom – oder einem gemütlichen Public-House. Vielleicht schaffen wir es einmal über den Kanal, durch Sussex oder Kent zu fahren. Und wer weiß; vielleicht findet sich ja irgendwo ein schwarzes schmiedeeisernes Tor, das von der Zeit gezeichnet ist. Vielleicht sehen wir irgendwo ein solches, das man beinahe übersieht, wenn man daran vorbeifährt, eines, mit der Aufschrift „Rowan Park“.

Wohlsein,
Der heilige Helge

Zutaten bei BOS FOOD zu bestellen: 5 cl Pierre Ferrand Cognac 1840 Original Formula • 2 cl Cold Brew Earl Grey Sirup (mit Art. Nr. 45710) • 1 cl Italicus Rosolio di Bergamotto (Art. Nr. 48454) • 1 BL Zitronensaft • 2 Dashes Bitter Truth Lemon Bitters • 1 Tropfen Kilchoman Machir Bay, Single Malt (Art. Nr. 41881) • Zitronenzeste

Schreibe einen Kommentar

Anmeldung zum Newsletter