Süffiges Wissen

Simone Klabin: Food & Drink Infographics. A Visual Guide to Culinary Pleasures. Taschen Verlag, Köln 2018. 464 Seiten, gebunden, 50 Euro (dreisprachig: englisch, französisch, deutsch)

Was für ein Buch! Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Ausruf nach so kurzer Zeit wiederholen darf. Aber – dieses neue kulinarische Großwerk aus dem Taschen-Verlag hat einfach für den wissenshungrigen und neugierigen Leser eine durchaus vergleichbare Attraktivität wie „On va déguster la France“, das ich hier vor einiger Zeit vorgestellt habe.

Das kulinarische Wissen sprengt längst jedes Format und ist mit den üblichen Medien nicht mehr zu fassen. Große Lexika der Kochkunst mögen viele Dinge über die Küchenpraxis zusammentragen, können aber z.B. wegen der sich explosionsartig ausweitenden Kochtechnik kaum mehr Schritt halten. Auch Wikipedia ist keine große Hilfe, produziert viel Unsinn oder bietet nur sehr beschränkte Informationen, weil sich unter den Wächtern dieses Lexikons einfach zu viele Amateure tummeln. Dass Ferran Adrià mit riesigem Aufwand an einem „Bullipedia“ arbeitet, wundert angesichts der bisher katastrophalen Wissensverwaltung nicht.

Es kommt heute allerdings mehr denn je darauf an, in welcher Form man Wissen vermittelt. Große Textmengen ohne Illustrationen sind fast nur noch Spezialisten zuzumuten. Der von medialen Informationsfluten abhängig gewordene Internet-Freak braucht dagegen oft Abwechslung im Sekundentakt. Abhilfe bringen bildhaft aufgelockerte Informationen und damit z.B. die sogenannten Infographics, die in den letzten Jahren immer häufiger zu finden sind und es oft schaffen, auch komplexe Inhalte verständlich und vor allem spannend zu präsentieren und zu vermitteln.

 

Fahren Sie nicht in Urlaub! Lesen Sie zwei Wochen in den „Food & Drink Infographics“. Das ist spannender und preiswerter!
(Die Überschrift habe ich nach einem ähnlich formulierten Brief eines Freundes von „On va déguster la France“ zusammengestellt…). Simone Klabin trägt in ihrem schwergewichtigen Buch informative Grafiken zum Thema Essen aus der Geschichte und aus aller Welt zusammen. Nach einem kurzen Abriss zur Geschichte der Bebilderung von Informationen geht es an die aktuellen Infographics, und zwar in den Themenblöcken „How we eat“, „Eating“, „Sugars, Chocolate, & Cakes“, „Prepping & Partying“ und „Drinking“. Bei „How we eat“ finden sich etwa Grafiken zum vegetarischen Lifestyle oder dazu „wie lokal lokal nun wirklich ist“. Es gibt das „Periodische System der Proteine“ oder – hochinteressant – eine Grafik, die zeigt, woher bestimmte kulinarische Ideen kommen. Alle Grafiken sind kurz erläutert und haben eine Quellenangabe. Bei „Eating“ finden sich zum Beispiel Grafiken zu den Käsesorten verschiedener Länder, eine unfassbar vielfältige Grafik zu verschiedenen Arten von Sandwiches/Burgern und ihren Variationen, über die Herstellung der original belgischen Pommes Frites oder die Saisonalität von Kräutern. Es kommt alles vor – solange es eben irgendwo einmal in eine grafische Form gebracht wurde. Das Niveau ist dabei ganz unterschiedlich und reicht von populären Kurzdarstellungen (Mamas Pasta) bis zu quasi wissenschaftlichen Darstellungen oder zu einer Grafik, die sich damit befasst, was man benutzen kann, wenn man nicht die passende Bratpfanne zur Verfügung hat. Im süßen Sektor sind dabei auch prächtige historische Darstellungen aus dem 18. Oder 19. Jahrhundert im Einsatz. Bei „Prepping & Partying“ gibt es u.a. eine wegen ihrer Vielfalt geradezu unübersichtliche „Cartography of Kitchenware“ neben einer alten Darstellung aus dem 19. Jahrhundert, die nichts anderes zeigt, als die Position der Hände beim Versäubern von Champignons. Bei den Getränken gibt es z.B. „38 Arten den Kaffee perfekt zu machen“, eine erschöpfende Übersicht über alle möglichen Arten von Whiskey oder eine große Übersicht über alle Rebsorten.
Wie gesagt: es ist ein Buch, um darin zu versinken.

Fazit
Es gibt in diesem Buch natürlich ein paar Einschränkungen. Einmal berichtet es nicht über alle Dinge, die es gibt, sondern „nur“ über alle Dinge, die in einer guten grafischen Darstellung behandelt wurden. Da ließen sich – zum Beispiel im professionellen Food-Bereich – sicher auch noch weitere Grafiken finden, die manchmal durchaus nützlich sind. Dann sind Grafiken zwar anschaulicher als Texte, aber durchaus nicht objektiver – auch wenn viele Leute grafische Schemen grundsätzlich mit einem Objektivitäts-Bonus versehen. Die erwähnte Ableitung von kulinarischen Ideen kann man sich zum Beispiel durchaus auch anders vorstellen. Last not least hat das Buch eine gewisse Konzentration auf den angelsächsischen Raum, erfasst also Länder wie Deutschland oder die skandinavischen Staaten kaum. Und im angelsächsischen Raum neigt man eben auch im kulinarischen Bereich schon mal dazu, die eigene Sicht und den eigenen Kenntnisstand für den größten zu halten. Aber – das sind nur ein paar Anmerkungen, die den Unterhaltungswert dieses prächtigen Bandes nicht wesentlich schmälern und seinen Wert als Buch schon gar nicht.

Der Taschen-Verlag beschränkt sich im kulinarischen Bereich auf die ganz sicheren und ganz großen Dinge. Das ist verständlich, löst aber auch den Wunsch nach anderen ganz großen Dingen aus. Vielleicht schaffen sie es ja eines Tages, wie in der bildenden Kunst auch einmal ein Riesenlexikon auf den Markt zu bringen, das die wahrlich spektakulären Bilder von der Kochkunst rund um die Welt zusammenbringt…

Das Buch bekommt 3 grüne BBB

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