TV or not TV?

Eine deutsche Sterneköchin und zwei Drei-Sterne-Köche kamen kurz vor Jahresende in den Genuss von Auftritten in wichtigen TV-Magazinen. Es wurden keine Sternstunden.

Kurz vor dem Jahreswechsel gab es im Heute-Journal eine der extrem seltenen Berichte aus der Spitzenküche. Thema war die nicht sehr aufregende Feststellung, dass das Saarland die größte Dichte an Sternen pro Einwohner habe. Ins Bild gerückt wurden die Führer von Michelin und Gault Millau, der scheinbar unter den meist wenig sachkundigen TV-Redakteuren immer noch eine große Rolle spielt. Ins Bild gerückt wurden auch Christian Bau und Klaus Erfort, und das summa summarum mit einem nur vordergründig erträglichen, tatsächlich aber eher unerfreulichen Ergebnis.
Man darf davon ausgehen, dass das Fernsehteam wieder stundenlang alles Mögliche gefilmt hat und längere Gespräche aufgezeichnet wurden, in denen die beiden Köche sicherlich viel Interessantes zu erzählen hatten. Was am Ende durch die gesendeten Passagen für die Zuschauer kommuniziert wurde, war etwa Folgendes: In der Spitzenküche macht man so bizarre Dinge wie das Herstellen von aufgeblasenen Äpfeln aus Zuckermasse, man treibt einen irren Aufwand, um per Flugzeug Fisch aus Japan einzufliegen, und überhaupt ist Spitzenküche mit einem Preis ab 160 Euro für ein Menü (bei Bau) Luxus.

Wie gesagt: Es scheint mir sicher, dass Bau und Erfort auch noch andere Dinge gesagt haben und dass sie keinen Einfluss auf den Zusammenschnitt hatten. Das Ergebnis ist dennoch eine banale Bestätigung der Stammtischparolen zur Spitzenküche, die dort seit Urzeiten am liebsten als völlig abgehobene, bizarre Bastelei für irgendwelche „überspannten Feinschmecker“ gesehen wird – wenn nicht der Stammtisch eher grün-alternativ ist und Spitzenküche per se für dekadent und pervers hält. Ein solcher Inhalt wurde durch den Film unterstützt – nicht etwa eine Darstellung, die klarmacht, wie hervorragend die Arbeit unserer besten Meister ist und welche ungeheure Finesse die Spitzenküche besitzt. Es wurde auch nicht darauf hingewiesen, dass eine Konzertkarte der Rolling Stones z.B. unter Umständen viel teurer ist (Sitzplätze bei der letzten Tour kosteten meist 179 bis 499 Euro) und ihr Kauf keineswegs als Luxus und schon gar nicht als eine irgendwie nicht ganz coole Form von Luxus dargestellt wird.

Hätten die Köche mit solchen verkürzten Darstellungen rechnen müssen? Mit Darstellungen, die auf wenige Dinge reduziert werden, von denen die Redakteure annehmen, dass sie für die Zuschauer spektakulär/bizarr sind? Ja, sicherlich, weil sie exakt auf der Linie eines fachlich weitgehend ungeschulten Journalismus’ liegen, den ab und zu der Drang überfällt, auch über Spitzenküche berichten zu müssen. So bleibt das schale Gefühl, dass wieder einmal die Chance für eine allseits sinnvolle und nützliche Darstellung der Arbeit in der Spitzenküche vertan wurde.

Wie könnte man so etwas ändern? Nun – in vielen anderen Bereichen, in denen das Fernsehen auftaucht, um Berichte zu machen (etwa der Politik oder der Wirtschaft), stehen neben der Kamera und neben den Redakteuren mediengeschulte Mitarbeiter, die unauffällig dafür sorgen, dass keine problematischen und einseitigen Darstellungen entstehen.

Schon früh am Morgen des gleichen Tages kam es im Morgenmagazin zu einer – sagen wir: irritierenden – Vorstellung von Sterneköchin Julia Komp vom Schloss Loersfeld in Kerpen. Frau Komp legte auch gleich los und kündigte sozusagen an, auf einen weiteren Stern hinzuarbeiten. Was dann unter den ratlosen Augen von Moderatorin Anna Planken passierte, war eine mittlere Katastrophe an Konfusion. Man bekam quasi nicht mit, um was es eigentlich bei der Komposition eines Gerichtes geht. Dafür gab es (neben einem heftig übergarten und in der Pfanne angesetzten Fleisch) häufiger Dialoge, die darauf hindeuteten, dass die Köchin kulinarisch scheinbar nicht genau weiß, warum sie was macht. Warum sie denn weiße Punkte aus einer Spritztülle auf den Teller spritze, war z.B. die Frage. Als Antwort kam, dass es schöner aussehe, nicht etwa, dass man so besser dosieren kann und eine bessere Dosierung gute sensorische Gründe hat. Man erfuhr sinngemäß auch, dass man alle Elemente zusammen in den Mund nehmen solle, das gäbe dann ein besonders gutes Mundgefühl (nur live im TV, im Online-Video scheinbar herausgeschnitten). Unsicherheit gepaart mit mangelnder Reflexion der eigenen Arbeit und der Unfähigkeit, die Arbeit gut zu erklären, ergaben im Mix mit einer Moderatorin, die immer ein wenig wirkte, als ob sie über eine extrem seltene Kuriosität zu berichten hätte, eine wahrlich seltsame Mischung.

Auch hier ergab sich also wieder eine vertane Chance, den Zuschauern kulinarischen Sinn und gesteigerten Genuss durch hervorragende Küchenleistungen transparent zu machen. Sehr schade.

3 thoughts on “TV or not TV?

  1. wirklich traurig – vor allem – ich hatte das vergnügen mit meinen eltern in einem 2sterne laden in england zu essen (besonderer anlass und so) dieses restaurant warb damit, dass sie regionales fleisch gemüse und obst benutzen und ihren eigenen kräuter- und historische gemüsesorten garten nebenan selbst bewirtschafteten – von wegen flug-fisch.
    erstens – es war bombastisch und zweitens, es sah auch ungeheuer bombastisch und filigran aus…

  2. Liebe Klada, ich glaube, daß das Problem in kulinarischen Fragen besonders groß ist. Es gibt tatsächlich in der Regel weder bei TV-Sendern noch bei den großen Zeitungen (von den kleinen ganz zu schweigen) kulinarische Redaktionen, die auch nur annähernd den Vergleich zu klassischen Ressorts wie Politik, Sport oder Feuilleton aushalten. Musikredakteure etwa, die über klassische Musik berichten oder schreiben sind fast immer vom Fach, haben also z.B. eine musikwissenschaftliche Ausbildung. Im Kulinarischen meint anscheinend jeder mitreden zu können – mit fatalen Folgen für die Qualität der Berichterstattung und die Zusammenstellung der Programme. Die heillos kommerzielle Koch-TV-Wüste wäre von Kennern der Materie einfach nie erzeugt worden.
    Bei Stefan Quants stimme ich zu. Er hat auch über mich einmal einen 45 Minuten-Film gedreht und das sehr gut gemacht. Nur – auch ihm hat man das wieder weitgehend gestrichen…

  3. Ja, es ist oft gruselig, was da von einigen Vertretern unseres Genres für fachfremde Formate zusammengeschustert wird. Das gilt ganz besonders für TV und Radio. Da wird gerne nur das Material herausgeschnippelt und zusammengepanscht, was in die Stoßrichtung nicht mal halbwissender Autoren und Redakteure passt. Sechs Stunden Drehzeit, drei Minuten Beitrag, zehnmal Kopfschütteln. Mindestens. Allerdings gibt’s das Problem nicht nur in der Kulinarik. Was es natürlich auch nicht besser macht ;-). Auf lobenswerte Ausnahmen mit Erwähnung von Kollegen wie Stefan Quante (WDR) sei ausdrücklich verwiesen.

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