Nicht Franck Ribéry ist pervers, sondern 19 Cent für 100 g Hähnchenkeulen

Die Reaktionen auf die 1200 Euro, die Franck Ribéry für ein mit Blattgold überzogenes Steak ausgegeben hat, waren vorhersehbar und vorschnell – wie in solchen Fällen rund um kulinarische Höchstpreise üblich. Hatte nicht neulich Ribéry-Kollege Christiano Ronaldo für zwei Flaschen Wein 31.000 Euro bezahlt? Da sind die 1.200 Euro für ein Steak mit Blattgold ja geradezu noch ein Schnäppchen. Kulinarisch sinnvoll ist der Gold-Überzug natürlich nicht. Das braucht man eigentlich kaum zu erwähnen. Teure Innenausstattungen von Luxusrestaurants sind das allerdings auch nicht unbedingt, und ob man mehrere Service-Kräfte braucht, um ein paar Teller an einem Tisch zu servieren, ist auch ein klein wenig fraglich. Für 1.200 Euro kann man auch – sagen wir: die ganze Familie auf besten Plätzen zu einem Helene Fischer-Konzert mitnehmen oder 1 ½ Personen zur Silvesterfeier auf dem von Alain Ducasse betreuten Seine-Schiff in Paris. Oder: Vier Personen bei Wissler im „Vendôme“ haben schnell 1.200 Euro verbraucht und bei Alain Passard im L’Arpège in Paris kommt man beim Menü „Terre et Mer“ mit etwas Wasser und Wein pro Person schnell auf 600 Euro. Wenn eine klare kulinarische Leistung dahinter steckt, kann es also auch ohne Blattgold schon mal teuer werden.

Man sollte die wichtigen Sachen im Blick behalten
Franck Ribéry hat nichts anderes getan, als eine von vielen Möglichkeiten zu wählen, zu viel Geld für fast nichts auszugeben. Sein Gag mit dem Blattgold schadet Niemandem. Der Wirt des Etablissements wird sich freuen, und vielleicht sichern ja solche und ähnliche Ausgaben auch noch diverse Arbeitsplätze. Ohnehin kommt es immer wieder mal vor, dass Angehörige besonders zahlungskräftiger Bevölkerungsgruppen in Luxusrestaurants den Eindruck erwecken, der Laden gehöre ihnen – sie würden das Ganze schließlich finanzieren. Da ist der Fall Ribéry viel Wind um nichts.

Vor allem ist nicht Ribéry pervers, sondern die Tatsache, dass für Billig-Angebote in Supermärkten Tiere getötet und zu einem Preis verhökert werden, der eine Mssachtung von Leben und eines zivilisierten Zusammenhanges von Wertschätzung für Tiere und ihrem Preis ist. In einem aktuellen Angebot von heute bietet EDEKA 100 g Keulenfleisch für 19 Cent an. Um sich dem „Nichts“ an Preis noch weiter anzunähern, nimmt man auch nicht den Kilo-Preis, sondern den für 100 Gramm, weil er noch billiger klingt. Darüber regen wir uns sporadisch auf, obwohl es ein Dauerzustand ist, der trotz massiver Kritik zu keinerlei Veränderung führt.

Der Konsument akzeptiert eben diese Perversion, weil er dabei ein paar Cent spart. Allein das reicht offensichtlich schon, um diese Form des besinnungslosen Konsums zu praktizieren. Und da regt man sich über Ribéry auf? Vielleicht sind es sogar die gleichen Leute, die den Fußballer für einen durchgeknallten Promi halten, dem jedes Maß verloren gegangen ist. Im Gegensatz zu ihm schaden allerdings die Anhänger des besinnungslosen Konsums nicht nur den Tieren, sondern auch dem, was eine gesellschaftlich zusammenhängend-sinnvolle Ernährung sein sollte, ganz erheblich.

Man sollte da eben die Kirche im Dorf lassen. Nicht Ribéry ist pervers, sondern die 19 Cent sind es.

7 Gedanken zu “Nicht Franck Ribéry ist pervers, sondern 19 Cent für 100 g Hähnchenkeulen”

  1. Kostenlose PR für einen Gastronomen/Metzger der sich beim Fleisch schneiden so exaltiert anstellt, als gälte es einen Baumstamm zu zersägen. Die Fleischpreise in deutschen Supermärkten und Discountern sind auch ohne ein vergoldetes Steak eine Sauerei, die zum Himmel stinkt. Zitat Kommentar Georg: „Müll entsorgen ist in Deutschland teurer.“

  2. An den 19 Cent / 100 g wird bei „Wir lieben Lebensmittel“ noch gut verdient.
    Aktuell bekommen Erzeuger für 1 kg Schlachtgewicht bei Suppenhühnern 0,00 – 0,23 €.
    Durchschnitt bei vier Gewichtsklassen: bis 1600g 0,06€/kg, 1600-1700g 0,08€/kg, 1700g – 1900g 0,11€/kg, 1900g – 2200g 0,14€/kg
    Im Vergleich zur Vorwoche liegen alle Preis um 0,03 € tiefer.
    Jetzt darf mal nachdenken, ob die Tiere je die Sonne gesehen haben und auf einer Wiese waren. Frisches Streu im Stall und Platz zum Bewegen und natürlich Futter vom Feinsten: Liebe Verbraucher, was erwartet Ihr bei solchen Preisen? Müll entsorgen ist in Deutschland teurer.
    Die Preise sind aus der Bauernzeitung 2. Woche 2019 Seite 73 Rubrik Märkte und Preise

  3. Weil Neid in Deutschland mehr Wert ist als den Kopf einzuschalten. Nur deswegen machen sich Menschen Gedanken um ein Steak statt um Hähnchenbrustfilet.

  4. Anzumerken ist, dass Herr Ribery für sein „goldenes“ Steak keine 1.200,00 €, sondern 1.200 UAE – Dirham = ca. 285,00 € ausgegeben hat, einen je nach Fleischqualität ggfs. durchaus angemessenen Preis.

    Und echauffiert hat sich jedenfalls der orientierte Beobachter nicht über den Preis des Steaks, sondern über die Reaktion des Herrn auf entspr. Kritik.

    Ich gebe auch ab und an vierstellige €-Beträge für ein Mittagessen mit begleitenden Getränken aus, maße mir aber nicht an, über Menschen zu urteilen, welche evt. aus finanziellen Gründen zu Billigware aus dem Supermarkt greifen. Das soll m.E. allein der Markt regeln, nicht die Moral.

    • Billigware aus dem Supermarkt ist das eine, aber Hähnchenkeulen für 19 Cent sind ja nichts, worauf man als Geringverdiener angewiesen ist. Ohne Fleischprodukte zu Dumpingpreisen verhungert man ja nicht, man kann zu Alternativen greifen. Dass es hierbei Alternativen sind, unter denen Mensch, Tier und Planet leiden ist nichts, wo die Moral nicht regeln sollte.
      Im Gegenteil, wenn der Markt mit solchen Preisen Angebote raushaut, entsteht ganz schnell ein Schneeballprinzip, aus dem wir nicht mehr rauskommen (s. Milchpreise).

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