Sagen, was ist. Oder doch nicht? Der Spiegel ist seit 75 Jahren ohne Brot und Butter. Sozusagen.

Den „Spiegel“ gibt es nun seit 75 Jahren und ich persönlich bin mit ihm seit meinem 15. Lebensjahr groß geworden. Er ist über lange Jahre hinweg eine meiner wichtigsten Informationsquellen gewesen und ich will nicht ausschließen, dass es auch heute noch Themen gibt, deren komplette Informationen ich aus dem „Spiegel“ habe. Dass ich mich immer wieder auch einmal über den „Spiegel“ geärgert habe, versteht sich von selbst – nicht nur weil ich einmal als Musiker in den 70er Jahren mit meiner Band davon betroffen war, dass ein Redakteur des „Spiegel“ uns nach einem Konzert im großen Sendesaal des SFB (oder war es RIAS?…) der Reaktion des Publikums entsprechend viel Gutes erzählte, dann aber im Heft in völliger Verdrehung der Fakten die zweite Gruppe des Abends („Niemen“ aus Polen) in höchsten Tönen lobte und uns kritisierte.

Nein, der Abschied (also die Kündigung des Abonnements kam erst kürzlich. Er ist sicher von der schwachen kulinarischen Berichterstattung ausgelöst, aber weitgehend auch von einer gewissen schnöseligen Selbstüberschätzung von vielen Spiegel-RedakteurInnen in Verbindung mit einem wahrlich pastösen Halbwissen bedingt. Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums (zu dem ich jedenfalls glatt gratuliere) möchte ich hier ein paar Gedanken zum Motto des Spiegels unter besonderer Berücksichtigung kulinarischer Aspekte notieren.

„Sagen, was ist“: Das Augstein-Zitat ist durch und durch „schräg“

Der „Spiegel“ hat den Augstein-Ausspruch „Sagen, was ist“ nicht nur zum Jubiläum auf einen Titel gesetzt, sondern schmückt damit auch die Wand der nicht übermäßig bescheiden geratenen „Spiegel“ – Zentrale in Hamburg. Das verwundert – oder eben auch nicht. Die Aussage ist schillernd, und die Redaktion liefert immer wieder Beweise dafür, wie schillernd sie ist.

Man kann sie als Stammtischparole verstehen, also etwa: „die Anderen reden irgendwie drumherum, der ‚Spiegel‘ *sagt, was ist‘“. Es ist zu befürchten, dass man das beim „Spiegel“ auch weitgehend exakt so versteht. Diese mehr oder weniger indirekte Attacke gegen die Konkurrenz oder dagegen, wie in Politik und Gesellschaft mit der Wahrheit umgegangen wird, ist natürlich provokativ. Wenn diese Position einmal einigermaßen stimmig ist, kann es tatsächlich zu den berühmten Enthüllungsgeschichten kommen. Wenn sie schief ist, also aus einer Position heraus geführt wird, die nur vermeintlich „den Durchblick hat“, produziert sie Unsinn, Schaden für Betroffene oder ein Weltbild, das nicht stimmig ist. Ist so etwas der Fall, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit so etwas interessengesteuert ist: Will der Spiegel nicht sagen, was ist, sondern was im Sinne der Politik des Hauses sein soll?

Man kann den Satz auch aus der Position des Wissenden verstehen, also etwa: „Wir beim ‚Spiegel‘ haben ein überragendes Wissen, das uns befähigt zu sagen, was ist“. Eine solche Position, die allerdings kein guter Wissenschaftler oder an der Wissenschaftstheorie orientierter Mensch je einnehmen würde, ist natürlich hochproblematisch. „Sagen, was ist“ würde hier bedeuten, rund um ein Thema systematisch das vorhandene Wissen darzustellen und eben nicht nur mehr oder weniger einseitig oder interessengesteuert zu agieren. Eine solche Darstellung ist mir in der Presselandschaft nicht bekannt, und das weder im „Spiegel“ noch sonst irgendwo, sie sprengt üblicherweise auch so gut wie jedes journalistische Format. Um sie journalistisch auch nur einigermaßen umzusetzen, müsste man ein Thema erstens so sachlich und faktenreich wie möglich darstellen, sodann zweitens die unterschiedlichen Positionen bei der Behandlung des Themas benennen und dann erst und in aller Vorsicht per Diskussion und Konklusion „Sagen, was ist“.

„Sagen was ist“: Kulinarisch nur dann, wenn es den Redakteuren in den Kram passt

In jedem Falle sind solche Dinge im kulinarischen Bereich bisher kein vom „Spiegel“ gepflegter Ansatz. Im kulinarischen Bereich war und ist der „Spiegel“ nicht in der Lage zu „Sagen, was ist“. Um das leisten zu können, haben ihm immer Leute gefehlt, die zu so etwas auch nur ansatzweise in der Lage wären. Statt dessen musste man immer den Eindruck haben, als ob kulinarische Themen (und speziell die Leistungen der Kochkunst) in dem, was der „Spiegel“ für jene Realität hält, mit der er sich befasst, überhaupt nicht vorkommen. Man begegnet der Kochkunst eher zufällig, en passant, als Teil eines nicht besonders wichtigen Bilderbogens, mit dem man sich befasst, wenn es irgendwie in den Kram der Redaktion oder des ein oder anderen Redakteurs passt. „Sagen, was ist“ würde bedeuten, Realität abzubilden, eine Basis an Wissen zu schaffen und erst dann zu der bewertenden Form von „Sagen, was ist“ fortzuschreiten. Davon ist der „Spiegel“ immer sehr weit entfernt gewesen. Zudem zeigen seine Einwürfe im kulinarischen Bereich meist eine gewisse Spitzfingrigkeit, eine Distanz, die nicht die des Wissenden, sondern die des sich aus diversen Gründen Mokierenden ist. Insofern ist auch nicht weiter verwunderlich, dass „Nestbeschmutzer“ aller Art (Bourdain und Co.) immer eine wesentlich größere Chance der Thematisierung im „Spiegel“ haben als die Leistungen überragender Köche. Noch bevor man wirklich sagt, was ist, lässt man über die Sache herziehen. Die Künstler anderer Richtungen haben es da um ein Vielfaches leichter. Wenn es in den Kram passt, werden dann die Dinge sozusagen in den Stand des Berichtenswerten befördert, noch weit bevor sie ein auch nur irgendwie evidentes Niveau erreicht haben. Man sagt dann im Grunde nicht, was ist, sondern was sein soll.

Im kulinarischen Bereich wissen die „Spiegel“ – Leute in der Regel nicht wirklich, was sie sagen, und weil ihnen ihre Unkenntnis dort sicherlich nicht verborgen geblieben ist (ohne so etwas jemals zuzugeben), sagen sie dann eben, es wäre nichts, was es zu sagen gäbe. Diese im Grunde gar nicht so subtile Form der Zensur, der Verhinderung von Berichterstattung über bestimmte Themen, deren Substanz man nie verstanden hat, ist kein Ruhmesblatt. „Sagen was ist“ ist da eine glatte Lüge. Sie steht an der Wand der nicht besonders bescheiden wirkenden Zentrale eines deutschen Magazins, das die Tendenz hat, die Welt unkomplett zu sehen und erst dann – vielleicht – zu reagieren, wenn das von ihnen Übersehene zu stark in ihre Imagination von Realität eindringt.

5 Gedanken zu „Sagen, was ist. Oder doch nicht? Der Spiegel ist seit 75 Jahren ohne Brot und Butter. Sozusagen.“

  1. Das Motto des Spiegel ist ja wie richtig referiert „Sagen, was ist“ und nicht etwa „Alles sagen, was ist“. Letzteres ginge nämlich gar nicht.

    Und das Kochen und Essen – so weit es nicht um Massentierhaltung, industrielle Lebensmittelproduktion etc. sondern um die Nischenform der Kochkunst geht – im Spiegel etwa so prominent vertreten sind, wie der Angelsport oder spätbarocke Lyrik is ein Fakt.
    Genauso ist aber Fakt, dass sich alle 3 Themen zwar durchaus der ambitionierten Beliebtheit einer gewissen Fangruppen erfreuen, aber überschaubare Relevanz für die breite der Spiegelleser hat – wobei man am ehesten beim Sportangeln hier ein Fragezeichen setzen könnte.

    Als ambitionierten Freund der Hochküche mag einen das ärgern – und natürlich erst Recht wenn man auf diesem Thema seine Existenz aufgebaut hat. Es entspricht aber der Wirklichkeit! In so fern ist das Fehlen von Beiträgen über die Hochküche im Spiegel vielleicht kein Widerspruch zu sondern geradezu ein Ausdruck von „sagen, was ist“ – selbst wenn das schmerzt

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  2. Ich schreibe ja auch ein zwei drei Websites (Blogs) und wunderbarer Weise habe ich so Kriegskommentare als Leserfeedback gar nicht. Vielleicht sage ich ja nicht deutlich genug, was ist. Jetzt habe ich heute hier die Dollase-Seite mal quergelesen, ein bisschen, und ich stelle insbesondere fest, dass die Kommentatoren irgendwie teils krawallig gebürstet sind. Das verstehe ich gar nicht. Zum Beispiel „Möchtegern-Journalist“ schreiben und das mit vielen Schreibfehlern. Es ist schon irgendwie unkorrekt. Also vom Kommentator. Was erlauben Kowalki?

    Aber davon ab: Ich mag den Dollase-Stil, zum Spiegel beschreibt er hier, was ist. Ich war auch schon mit 15 Spiegel-Leser. Zuletzt habe ich erst vor kurzem noch ernstlich eine Probephase Onlineabo abgeschlossen. Und wann das selbstkritisch schnell und präzise an dem Punkt: Der Spiegel macht sein Ding, aber er sagt doch auch nicht, was ist. Zu großen Teilen ist es eben Nachrichten. Aber eine besondere Herausgehobenheut von Deutungsversuchen sehe ich gar nicht (mehr). Augstein liegt auf Sylt. Das wars. Kulinarisch spielt der Spiegel keine Rolle, also nicht mal eine schlechte. Nein – ich komm zum Ende: Ich find die Auswertung richtig und bin ähnlicher Meinung. Danke.

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  3. Also ihre Arrogante art des Schreibens und des alleinigen Wichtigkeits monopol wissens über die kulinarik die sie meinen zu haben,, was natürlich nicht stimmt, finde ich den Spiegel sogar noch interessant im Gegensatz zu ihren seltsam und schwulstigen möchtegern Journalisten berichten.

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  4. Lieber Herr Dollase,
    Sie sind ja erst sehr spät darauf gekommen, dass das einst kritische deutsche Wochenblatt verkommen ist. „Man sagt dann im Grunde nicht, was ist, sondern was sein soll.“ Und das
    inzwischen oft in regierungskonformen Artikeln und in arroganter Abwertung anderer Positionen. Erwähnt sei hier als Beispiel ein kürzlich erschienener unerträglich dummer, wirrer und hetzerischer Beitrag von Sascha Lobo („Radikalisierung der Impfgegner – Die Denkpest geht um“). Die Märchenstunden von Relotius waren harmlos dagegen.
    Und die kulinarische Seite des Lebens hat, wie Sie richtig bemerken, in diesem Blatt nie eine Rolle gespielt.
    Freundliche Grüße,
    Birgitt Mangelsdorf

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