Kochkunst und Publicity: Warum auch gute Leistungen kaum Aufsehen erregen. Anmerkungen aus journalistischer Sicht.

Kochkunst und Publicity: Warum auch gute Leistungen kaum Aufsehen erregen. Anmerkungen aus journalistischer Sicht.

Man kann es nicht übersehen: die entwickelte Kochkunst hat nach wie vor in den Medien nicht den Stellenwert, der ihr eigentlich längst zukommt. Die Zeiten, in denen Ferran Adrià und einige wenige andere Köche es weltweit bis auf die Titelseiten aller möglichen Zeitschriften und Zeitungen schafften, sind weitgehend vorbei. Das klassische Feuilleton und die großen Magazine leisten sich ab und zu ein Feigenblatt, beschäftigen sich aber nicht wirklich so mit der Kochkunst, wie sie das mit anderen Künsten und ihren angewandten Formen tun. Die Gründe für diesen Zustand sind vielfältig und zum Teil natürlich auf mangelnde Sachkenntnis bei den Medien und überkommene Seilschaften zurückzuführen, an denen die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte glatt vorbeigegangen zu sein scheinen. Die Gründe liegen aber auch – und das ganz erheblich – auf Seiten der Köche, die es nach wie vor nicht schaffen, Dinge zu produzieren, die wirklich Aufsehen erregen oder ihre Arbeit so zu verkaufen, dass sich die Medien stärker für sie interessieren.

Ich möchte hier einmal ein paar Punkte aus journalistischer Sicht ansprechen, die von den Köchen völlig anders eingeschätzt werden als von den Medien. Es gibt viele Dinge, die von Köchen als wichtige Meldung angesehen werden, die aber auf journalistischer Seite einfach „keinen Menschen interessieren“, die einfach „keine Meldung sind“. Das Ziel kann nur sein, dass es die Kochkunst auch einmal regelmäßig bis in die „Tagesschau“, ins „Heute Journal“ und in wichtige Magazinsendungen schafft – vielleicht, weil mal wieder ein politisches Spitzentreffen in einem Spitzenrestaurant stattfindet und die Kanzlerin neben dem Staatsgast und dem Koch im Bild ist, vielleicht, weil eine besondere kulinarische Glanzleistung und Idee dazu führt, dass das neue Menü von Restaurant XY zwanzig Minuten nach Öffnung der Online-Buchungen für ein halbes Jahr ausverkauft war. Wenn so etwas jemals passieren sollte, wird das eine Ausstrahlung entwickeln, die das ganze Land betrifft. Erst dann wird kreatives oder überragendes Essen zum Kult und erst dann werden sich die Restaurants in einem bisher ungekannten Maß mit Gästen füllen. Hier also einmal ein paar Punkte in lockerer Folge, die dem ganz wesentlich entgegenstehen oder die dringend anders verstanden werden sollten.

„Hauptsache lecker“: Der große Interesse-Killer
Die immer wieder vorgetragene Orientierung am Publikumsgeschmack oder daran, dass Essen „einfach lecker“ sein muss, ist nicht nur sehr naiv, sondern ein echter medialer Interesse-Killer. Wenn die subjektive Einschätzung siegt, und es keine Kriterien für gut und schlecht, für mehr oder für weniger Kreatives gibt (und das bedeutet diese Formulierung) bedeutet das das Ende für jede Berichterstattung, die irgendeinen größeren Bekanntheitsgrad bringen könnte. „Lecker“ kann für viele Leute auch der Hamburger von McDonalds oder die Lieblings-Imbissstube sein. Und – man sollte sich auch nicht davon täuschen lassen, dass bisweilen ein vielleicht neues Restaurant mit günstigen Preisen und einer modernen Küche viel Zulauf findet und deshalb in verschiedenen Medien gelobt wird. Das ist Strohfeuer, so etwas wird als Meldung mitgenommen, löst aber kein Beben aus, das zu irgendeiner intensiveren Berichterstattung führt.

Wettbewerbe und Sieger: das große Gähnen
Wer sich einmal umsieht, was über das Jahr hinweg im Moment wirklich mediale Beachtung findet, wird nur wenige Highlights finden. Einer ist das Erscheinen des deutschen Guide Michelin (die Führer anderer Länder kommen kaum jemals vor), der andere das neue Ranking der „The Worlds 50 Best Restaurants“. Dazwischen kommt auch noch der Gault Millau vor, der zwar in seiner kulinarischen Bedeutung deutlich geschwunden ist und bei Köchen wie beim Publikum nur eine begrenzte Rolle spielt, der aber bei älteren Redakteuren noch viele Anhänger hat.
Der Rest ist mehr oder weniger uninteressant. Das gilt insbesondere für die vielen Wettbewerbe und Gewinner von irgendwelchen Auszeichnungen, die ununterbrochen und übers ganze Jahr hinweg gemeldet werden. Für die Köche und die Teilnehmer mag das interessant sein, für die Medien ist das – vor allem überregional – völlig uninteressant. Und selbst wenn es Meldungen über irgendwelche Auszeichnungen gibt, gehört so etwas eher zum Füllmaterial und nicht zum Kern des Geschäftes, nicht zu den Themen, über die man wirklich redet.

Themen, die einfach uninteressant sind
Ob ein Restaurant ein Muttertagsmenü anbietet oder ein Pilzmenü, ob ein paar Köche zu Gast kommen oder nicht, ist aus der Sicht der Presse fast immer uninteressant oder beschäftigt nur die Lokalpresse. Auch für solche Ereignisse gilt, dass sie selbst dann uninteressant sind, wenn aus irgendwelchen Gründen über sie berichtet wird. Die Messlatte für wirklich interessante Angebote von Restaurants liegt sehr hoch und ihre Höhe ist im übrigen von den Köchen meist überhaupt noch nicht ausgelotet worden. Wenn man überhaupt eine gewisse Anzahl wichtiger Journalisten zu einer bestimmten Veranstaltung locken will, muss das Programm schon ganz hervorragend sein. Ich bekomme quasi jeden Tag Einladungen zu allen möglichen Veranstaltungen oder zu Besuchen von Restaurants und Hotels weltweit. Wenn man wollte, könnte man ununterbrochen in der Gegend herumfahren. Was mich aber wirklich interessiert, sind nur ganz bestimmte, vor allem kulinarisch interessante Dinge. Und die sind eher selten.

Was bei weitem noch nicht klappt, ist das, was in der Mode ganz normal ist, also die Vorstellung einer Kollektion unter Beteiligung aller Journalisten von Rang und Namen mit der entsprechenden Berichterstattung rund um die Welt und in allen Medien und auch in der Tagesschau oder dem „Heute Journal“. Ist die Mode da nur weit voraus? Ist die Mode wirklich so viel anders, als das, was die Kochkunst produziert? Ist sie in der Spitze nicht ebenso elitär wie hochentwickelte und kostspielige Kochkunst? – Wo aber sind die neuen Kollektionen unserer besten Köche, die so spektakulär sind, dass man Schlange steht, um die Premiere mitzubekommen? Über die dann anschließend in allen Medien berichtet wird? – Sie sind noch nicht da, vielleicht auch deshalb, weil man noch nicht genug in Kategorien von „Kollektionen“ denkt und die eigene Arbeit noch nicht so klar als „Produkt“ sieht, wie das eigentlich notwendig wäre.

Der „Tim Raue-Mechanismus“
Es gibt natürlich auch andere Mechanismen, die unter Umständen eine Menge bringen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das, was sich rund um Tim Raue entwickelt hat. Raue hat zweifellos erkannt, dass die Presse Geschichten braucht, die irgendwie interessant sind, und dass es sich bei diesen Geschichten am besten nicht um typische Koch-Lebensläufe handelt. Ich brauche hier die Sache mit seiner Berliner Gang-Vergangenheit sicher nicht zu erläutern. Wichtig ist, wie sich mit Hilfe solcher Geschichten Promotion machen lässt. Dazu muss man wissen, dass in vielen Redaktionen keine Redakteure sitzen, die kulinarisch bewandert sind. Aber – man hat dann irgendwie von einem Koch gehört, der irgendwie eine interessante Geschichte hat und über den in letzter Zeit viel berichtet wurde. Und dann passierte das, was in solchen Fällen immer passiert. Tim Raue wurde zum Koch des Tages an und für sich. Entweder machten alle Medien direkt eine Geschichte über ihn, oder wenn es zum Beispiel um Essen für Jugendliche ging, stellte in der Redaktion vielleicht jemand die Frage: „Wie heisst denn noch mal dieser Koch, von dem in der letzten Zeit alle reden? Machen wir die Geschichte doch mit ihm!“ Wenn ein Thema groß genug erscheint, nehmen alle Medien es auf – egal ob die Konkurrenz das auch macht oder nicht. Ob die Leistung von Tim Raue der Publizität entspricht, spielt dabei gar keine Rolle. Ob andere Köche vielleicht besser sind und mindestens die gleiche Promotion verdienen, spielt ebenfalls überhaupt keine Rolle.

Kontroversen sind Gold wert
Was immer gut ist, sind Kontroversen jeder Art. Dass sich die Berliner Szene mit Nobelhart & Schmutzig und Co. ein bisschen breit macht und sehr selbstbewusste Texte produziert, ist sehr gut für die Promotion. Und wenn die „Sprüche“ vielleicht einmal mehr als selbstbewusst ausfallen und sich eine kritische Diskussion entwickelt, ist das besonders gut. Köche, die ja in so etwas wie einer Kultur des Lobes leben und jeden Tag entweder vom Publikum oder sonst wo gelobt werden, können sich kaum vorstellen, dass dieses Lob sie kaum weiterbringt, eine kräftige Kontroverse aber sehr viel hilfreicher sein kann. Am besten ist es natürlich, wenn die Kontroverse wirklich eine kulinarische ist und es rund um einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Küche geht. So etwas hat dann auch schon mal das Potential, in die oben genannten Medien vorzudringen – Ferran Adrià und die Molekularküche lassen grüßen. Das Thema “Molekularküche“ hat weite Teile der Bevölkerung erreicht und ist heftig diskutiert worden. So etwas bringt etwas, und zwar für alle Seiten – auch für die Klassiker, auch für den Mainstream. Eigentlich sollten alle Köche froh sein, wenn sich irgendwo und irgendwie ein kulinarisches Thema bis in die Mitte der Bevölkerung vorarbeitet.

Was könnte kulinarisch wirklich interessant sein
Was wirklich als kulinarisches Thema für größere Publizität sorgen könnte, muss schon sehr, sehr kreativ oder speziell sein. Salopp könnte man sagen: Wer sich nicht die tiefe Abneigung der Stammtische erarbeitet, wird auch kein Aufsehen erregen. Unter diesen Umständen bekommt dann natürlich der Begriff „Kreativität“ eine ganz andere Füllung. Sehr viele Köche nennen sich „kreativ“, sind es aber eigentlich nicht. Wer nicht wirklich Neues schafft, das definitiv auch anders aussieht als ein „normales“ Gericht, sollte sich nicht „kreativ“ nennen. Wenn die Köche eines Landes langsam aber sicher besser werden, mag das zwar erfreulich sein, wird aber nur sehr sporadisch für Aufsehen sorgen. Noch einmal ganz deutlich: Ein Restaurant ist wirklich kreativ, wenn die Leute für einen Platz Schlange stehe und die Journalisten Probleme haben, in der Flut der Nachfrage ein Interview mit dem Meister zu bekommen. Dieser Mechanismus ist aus der Popmusik, aus Film und Fernsehen und vielen anderen Bereichen bekannt. Sollte man sich deshalb rar machen? Nein, das hat nur Zweck, wenn sich auch eine entsprechende Wirkung entfalten kann. Zu Zeiten von „El Bulli“ gab es Unmengen von Journalisten, die vorbeikommen wollten und keinen Platz bekamen. Gleiches galt und gilt auch für eine Reihe anderer internationaler Größen. Ein deutscher Spitzenkoch, der meint, er müsse jetzt mal etwas den Star spielen, läuft dagegen Gefahr, einfach abgehakt zu werden. Dann nehmen die nicht fachkundigen Redakteure eben einen seiner Kollegen für ein größeres Feature.

Soweit ein paar Anmerkungen. Unsere besten Köche sollten sich nicht nur organisieren, sondern auch in ihrer Medienarbeit professionalisieren. Dringend.

4 Gedanken zu „Kochkunst und Publicity: Warum auch gute Leistungen kaum Aufsehen erregen. Anmerkungen aus journalistischer Sicht.“

  1. Was macht eigentlich der Henssler, wenn er bei uns in Essen die Grugahalle füllt, da vorne? Ich hab keine Lust, für diesen Mist Geld auszugeben, aber wenn es andere tun, würde es mich als Profi in der ÖA schon interessieren, wofür. Kocht der da vorne? Labert der nur wie Lichter? Tanzt er? Jongliert er mit Chai Daos? Alles zusammen?

  2. köche hierzulande sind durchaus medial präsent, aber selten die besten ihres fachs und selten mit ihren kernkompetenzen. im nachmittags-und vorabendfernsehprogramm findet “ kochen“ als unterhaltung statt; alles, was die sache ein bisschen spannend machen könnte ( warenkunde, erklärungen zu kochtechniken , sensorilschulung) wird konsequent rausgehalten, stattdessen sind evasorische, kompetetive formate beliebt. oftmals geht die rolle des kochs als unterhaltungsmensch soweit, dass gar nicht mehr die arbeit am herd im mittelpunkt steht, sondern der palaver über angeblich gesunde gewürze, das “ retten“ wirtschaftlich instabiler lokalitäten, allgemein das verzapfen irgendwelcher lebensweisheiten. da bleibt leider kein platz mehr für hochküche.ausnahmen sind selten; ich erinnere mich auf arte an ein paar sehr schöne ausnahmen ( eine sendung über zeitgenössische gemüseküche mit michael hofmann in dessen garten; eine weinreise mit moissonnier ).

  3. Sehr guter Artikel und spricht mir aus dem Herzen. Vielleicht ist es der immer noch omnipräsenten deutschen Tugend zuzuschreiben „Tue Gutes und rede nicht darüber“, statt endlich umzukehren in „Tue Gutes und rede viel und gerne darüber“. Das scheint auch in der Gastronomie noch nicht angekommen zu sein. Aber auch „über den Tellerrand“ hinaus blicken und Format zu zeigen, ist noch arg unterentwickelt.
    Wir sollten uns beispielsweise einmal die Italiener anschauen. Die verkörpern mit Stolz, was sie tun und produzieren. Und wenn es nur, wie auf dem Markt in Catania erlebt, um ein Sträusschen Petersilie geht. Sie haben es angepriesen, als ob es aus Gold wäre…

  4. Vielen Dank für den Artikel, da könnte u.a. Frankreich ein gutes Beispiel sein. Wir waren gerade über das Wochenende in Paris und selbst als „Französisch“ unkundiger, aber an Gourmandise interessierter, kommt man in Frankreich an „Essen & Trinken“ in den Medien etc. nicht vorbei.

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