Versagt der Buchhandel oder ist es der Markt? Wo sind die Bücher der besten Köche?

Vorbemerkung: Man muss vorab erst einmal an das geniale Kölner Geschäft „BuchGourmet“ von Dieter Eckel erinnern, das im Jahr 2013 seine Türen geschlossen hat. Eckel hatte nicht nur eine riesige kulinarische Buchhandlung aufgebaut, sondern auch ein großes kulinarisches Antiquariat und – was seine Arbeit ganz besonders machte – eine Abteilung Spitzenküche, die ein tagesaktuelles, weltweites Angebot pflegte. Wenn irgendwo in der Welt ein interessantes Buch eines Spitzenkochs auf den Markt kam, konnte man ziemlich sicher sein, dass es so schnell wie möglich auf den Theken von BuchGourmet lag. Ich gebe ohne weiteres zu, dass ich geradezu abhängig von diesem Angebot war. Ich habe fast alles gekauft, was es an Neuigkeiten gab, egal in welcher Sprache und egal zu welchem Preis. Ein Besuch in Köln endete oft so ähnlich, wie man es von Buchhandlungsbesuchen Karl Lagerfelds berichtet (na, sagen wir, zumindest ein klein wenig): Ich kaufte bisweilen so viele Bücher, dass sie mir nach Hause geschickt werden mussten.

Von mir einmal ganz abgesehen hat Eckel für die Haute-Cuisine-Community eine herausragende Bedeutung gehabt. Natürlich schätze ich auch die Bemühungen der wenigen noch verbliebenen Spezialisten für Kochbücher. Aber – selbst die Librairie Gourmande in Paris hat ein beschränktes internationales Angebot, weil man sich sehr auf den eigenen, französischsprachigen Markt konzentriert. Und wer sich einmal weltweit bei den angeblich größten Kochbuchhandlungen umsieht, wird nichts anderes feststellen: Das Angebot ist meist mehr oder weniger einäugig und national.

Deutsche Mainstream-Buchhandlungen kennen keine Spitzenküche

Wer heute selbst die größten deutschen Buchhandlungen oder Kulturkaufhäuser besucht und sich die Kochbuchabteilungen ansieht, kann als Spezialist nur noch frustriert mit dem Kopf schütteln. Bücher unserer besten Köche sind quasi nicht zu finden und ein Sortiment, in dem sich die im Prinzip lieferbaren Bücher (und was man darüber hinaus in den Beständen hat) befinden, gibt es nicht. Dafür werden oft Kategorien durcheinander geworfen, und die Stelle von Spitzenköchen werden regelmäßig von Fernsehköchen oder bekannten KochbuchautorInnen gefüllt, ganz so, als ob die am besten verkaufenden Köche auch qualitativ die besten wären. Das gesamte Angebot wirkt wie eine Attacke auf die Spitzenqualitäten durch konsequentes Ignorieren. Wer oft im Fernsehen auftritt, darf ganze Berge seiner neuen Bücher erwarten – egal, ob sie komplett überflüssig sind oder nicht.

Deutsche Mainstream-Buchhandlungen messen mit zweierlei Maß

In den meisten Buchhandlungen setzt sich offensichtlich ein Problem fort, das schon lange existiert. Die Buchhändler halten sich zwar entweder selber für Intellektuelle, oder stehen dem intellektuellen Lager nahe oder zumindest dem der Bildungsbürger. Die Anforderungen, die sie an anderer Stelle haben, übertragen sie aber nicht auf den kulinarischen Bereich, sondern behandeln ihn – sagen wir: so, als ob es sich um Häkeln oder sonst ein Hobby handelt. Nachfragen nach bestimmten Büchern lösen regelmäßig völliges Unverständnis aus, sie treffen auf Buchhändler, die buchstäblich keine Ahnung von kulinarischen Themen haben. Der Weg zum Computer der Großhändler oder des Zentrallagers ist meist ebenfalls zwecklos, weil es dort nicht anders zugeht.

Bei Themenbereichen, die zum klassischen Kanon des bildungsbürgernden Buchhändlers gehören, geht es dagegen völlig anders zu. Auch entlegene Spartenbücher, die definitiv – wenn überhaupt – nur für ein ganz enges Publikum geeignet sind, erfahren größte Beachtung, eine Bedeutungszumessung, die an größten Teilen des Publikums zwar vorbeigeht, aber offenbar eine Art kulturell aufgeladenes Getue fördert.

Wird man zum Discounter?

In vielen Fällen muss der Eindruck entstehen, als ob Buchhandlungen nur noch wie Discounter funktionieren, wie eine Art Bücherkiosk, der dem Zeitschriftenbüdchen nicht unähnlich ist, und in dem nur noch das zu finden, ist, was man schnell und in großer Stückzahl verkaufen kann. Und weil speziell im kulinarischen Bereich High End so gut wie nie stattfindet, entsteht der Eindruck einer kompletten Entwertung, einer Kommerzialisierung, der der Inhalt vollkommen egal ist. Natürlich reden Buchhandlungen in Krisen gerne vom kulturellen Auftrag, von der Vermittlung zwischen Kulturschaffenden und dem Publikum. Im kulinarischen Bereich versagen sie so gründlich, dass auch ihre sonstigen Bemühungen unehrlich wirken.

Amazon und die verbleibenden Möglichkeiten

Wie soll man heute überhaupt erfahren, was es Neues gibt, und zwar weltweit, weil das Thema ein weltweites Thema ist? Auf die Buchhändler kann man sich jedenfalls nicht verlassen. Heutzutage gibt es nur den Weg, Online zu erforschen, was es Neues gibt und Online zu bestellen. Und da – man muss es so sagen – führt erst einmal kein Weg an Amazon vorbei. Ich persönlich überprüfe erst einmal, ob Bücher bei Amazon verkauft werden, und kann dies ohne weiteres feststellen, weil es dort im kulinarischen Bereich offensichtlich kaum Ländergrenzen und vor allem keine kulturellen Scheren im Kopf gibt. Und dann kommt noch dies dazu: Ich finde also ein Buch bei der Librairie Gourmande in Paris, das einen Listenpreis von 49 Euro hat. Natürlich können sie liefern, aber mit einem Aufschlag von 18,95 Euro. Zwei Tage später habe ich das Buch. Von Amazon, ohne Porto, für exakt 49 Euro. – Wer dieses Verfahren kritisiert (und das sind aus verschiedenen Gründen eine ganze Menge von Leuten) sollte einmal vorschlagen, wie die Verbindung von Information über Neuigkeiten und eine zügige, preiswerte Lieferung anders zu realisieren ist. Auch ich kaufe längst nicht mehr so viel, weil ich zwar eine Menge von Neuigkeiten finden kann, aber ich mir aufgrund der knappen Informationen oft nicht sicher bin, ob ich das Buch brauchen kann oder nicht. Also bestelle ich nur die „sicheren“ Sachen und träume weiter von BuchGourmet, wo die Neuigkeiten manchmal so viele waren, dass man deshalb selektieren musste.

Die Normalität der kulinarischen Abteilungen unserer Buchhandlungen ist Anti-Kultur, verantwortungslos, destruktiv.

P.S. Die Bilder zeigen kleine Ausschnitte aus meiner Bibliothek

11 Gedanken zu „Versagt der Buchhandel oder ist es der Markt? Wo sind die Bücher der besten Köche?“

  1. Es gibt da frank Petzchen in düsseldorf, ein kochbuchhandlung, ich war vor Jahren mal dort, wie das Sortiment aufgestellt ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Mal Tante Google fragen. Buch Gourmet gab es dann noch online eine Zeitmangel, doch die hatten irgendwann Probleme mit der Datenbank und danach war Schluss. Doch der Kunde entscheidender ja zwangsläufig, und wer dann nich5 mehr Buch Gourmet frequentiert hat, ja das wären dann …

    Vermisse Buch Gourmet ganz dolle

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  2. Dem stimme ich einfach zu (und auch Herrn Ullrich) – von mir als „Kochbuchkonsument“ kann mangels dortigem Angebot leider auch kein örtlicher Buchhändler leben. Aber zumindest bei meinem Privatvergnügen (den Kochbüchern) kommt mit Amazon nicht ins Haus!! Und ich freue mich heute schon auf den neuen Jahreskatalog aus Wiesbaden!!

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  3. Dem stimme ich einfach zu (und auch Herrn Ullrich) – von mir als „Kochbuchkonsument“ kann mangels dortigem Angebot leider auch kein örtlicher Buchhändler leben. Aber zumindest bei meinem Privatvergnügen (den Kochbüchern) kommt mit Amazon nicht ins Haus!! Und ich freue mich heute schon auf den neuen Jahreskatalog aus Wiesbaden!!

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  4. Und dann gibt es noch Versandbuchhändler wie z.B. Ex Libris in der Schweiz, die zwar eine spannende Auswahl auch an „älteren“ Kochbüchern – sogar mit Rabatt – anbieten, z.B. „Signature Books“ von den österreichischen Köchen Werner Matt oder Jörg Wörther aus den frühen 2000ern, welche dann aber auch nach Monaten (und sofortiger Abbuchung der Kosten) noch nicht angekommen sind. Scheinbar bleibt wirklich nur Amazon und ein paar Antiquariate…

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  5. „Wer dieses Verfahren [amazon] kritisiert sollte einmal vorschlagen, wie die Verbindung von Information über Neuigkeiten und eine zügige, preiswerte Lieferung anders zu realisieren ist.“

    1. Information
    Es gibt Verlagsvorschauen, Verlagsnewsletter, Foodblogs, Buchverzeichnisse, Autorenseiten, national, international etc. etc. Einfach mal in einem geeigneten Aggregator sammeln + Sie haben jeden Tag das Frischeste aus aller Welt auf dem Tisch.
    2. Versand
    Da gibt es keine Lösung. Die Portofreiheit ist einer von amazons Beiträgen zum Kampf gegen die Buchpreisbindung und den stationären Buchhandel. Das kann man unterstützen wollen oder aber auch nicht. Amazon ist, anders als der stationäre Buchhandel, nicht darauf angewiesen, mit Büchern Geld zu verdienen. Bücher sind da nur der Käse, der die armen Mäuse ins Internet verführen soll.
    Vielleicht könnten die finanziellen und zeitlichen Mittel, die man beim traditionellen Buch- und Verlagshandel zusätzlich einsetzen muss, ja als private Kulturerhaltungsabgabe bilanziert werden. So wie man beim kapitalintensiven Kauf wirklich excellenter Nahrungsmittel die gesamte Infrastruktur dieser Qualitätshersteller mit unterstützt und nicht nur das einzelne Produkt.
    Was mit monopolistischen Lieferketten passieren kann, wenn ein beliebiges Glied derselben einfach mal dicht macht, haben wir doch bei Sicherheitskleidung, Masken, Desinfektionsmitteln und auch Medikamenten gerade hautnah vorgezeigt bekommen. Das kann man wollen oder aber auch nicht.

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  6. das angebot in deutschen buchhandlungen zu kulinarischen themen macht einen entweder wütend oder traurig. ich bin da auch ganz schnell bei amazon …. sehr zu empfehlen auch die new yorker kochbuchhandlung kitchen arts & letters, die natürlich versendet und regelmässig einen sehr interessanten newsletter per mail verschickt. gut gefällt die breite des angebots; vor ort hat mich das antiquariat und das angebot vorhandener zeitschriften sehr begeistert. allerdings müsste von seiten des buchhandels auch mal darüber nachgedacht werden, ob es zwischen schrott ( promi-/fernseh“koch“bücher…) und highend ( werkkataloge internationaler branchenstars) nicht auch noch platz geben müsste für die “ mitte“, für bücher wie ducasses nature, bücher von us-köchen wie keller, humm zu ihren „kleineren formaten“ ( nomad, buchon, ad hoc etc) etc: also für kochbücher , die von könnern intelligent konzipiert wurden, aber einen deutlich grösseren machbarkeitsanspruch besitzen und somit auch für eine klientel interessant sind, die “ einfach gut kochen “ möchte. dieses segment wird leider stark vernachlässigt; ansätze in diese richtung finde ich -köche aus dem deutschsprachigem raum betreffend- nur wenige; spontan fallen mir aber immerhin klaus erfort, tanja grandits ein, die bewusst rezepte/bücher fürs häusliche kochen entwickelt haben, die dennoch kulinarisch funktionieren.

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  7. Hallo.

    „Schuster bleib‘ bei deinem Leisten …“ – wäre die knappste Formulierung, die mir bei Ihrem ziemlich ahnungslosen Buchhandelsbashing einfällt.

    Die etwas längere Antwort:

    Nehmen wir einmal des kulturzerzausten Buchhändlers liebste Gesinnungs-Gattung: die Lyrik. Was finden Sie in einer normalen Buchhandlung (möglichst nicht gerade einem Filialisten)? Sie finden ein oder zwei oder drei Regalbretter (manchmal gar ein ganzes Regal) mit schmalen Gedichtbändchen, n bisserl Klassik, n bisserl Moderne und ein paar Bändchen mit Preisträgerpoesien der Gegenwart (was FAZ, SZ, Spiegel + taz so gerade anpreisen). Punkt. Celans (fast) historisch-kritische Gesamtausgabe, Enzensberger, Benn, Brecht oder Neruda … meist Fehlanzeige. Und was man erst recht nicht findet ist poetologische Fach(!)iteratur zur Erzeugung, Gestaltung und Perfektionierung, historischen Orientierung und klanglichen Rafinesse lyrischer Erzeugnisse. The making of „Todesfuge“? Natürlich nicht. Never. Nicht einmal bei einem traditionellen buchhändlerischen Herzenskammerbereich.

    Was hingegen in weitaus rauheren Mengen zu finden ist, sind der Duden, der Redenberater, das Kommunikationsmanagementbuch, der Briefsteller, die Online-Bewerbung-Formulierungshilfe … schlicht: Alltagskommunikationshilfsbücher. Dem Poeten grausts, Otto Normal wird im Rahmen seines Bedürfnisses geholfen. Und es gibt eben gravierend mehr zahlungskräftige Ottos als Poeten überhaupt und Poeten sind darüber hinaus traditioneller Weise arm (sagt Spitzweg) …

    So funktioniert das halt bei allen ausgesprochenen Nischenprodukten – wie etwa internationaler HauteCuisine oder der Eisenbahnüberwegegesetzgebung in der Schweiz. Weil: Es heisst BuchHÄNDLER (sorry, alter Scherz). Ich habe fast 40 Jahre Fachbuchhandel + Fachantiquariat RWS + Theologie auf‘m Buckel. Ich kenne mich also ein wenig mit dem Vertrieb von Nischenprodukten, deren Finanzierung, Vermarktung + Erlöslage aus. Es ist inzwischen eine schlichte ökonomische Katastrophe, gerade noch als Internetbuchhandlung möglich, als analoge Buchhandlung fast ausgeschlossen. Fast. Ich bewundere jeden, der das noch schafft.

    Die richtig lange Antwort erspare ich mir und Ihnen. Obwohl es mich bei Ihrer arroganten Art doch reizen täte … aber ich gehe lieber in die Küche und mach‘ mir ne Stulle mit Leberwurst.

    Mit freundliche Grüssen
    Andreas Ullrich

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    • Lieber Herr Ullrich, vielen Dank für Ihre umfangreichen Antworten. Jetzt müssten Sie nur noch die Funktion und Zielrichtung journalistischer Texte verstehen…Grurß JD

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      • Lieber Herr Dollase,

        vielen Dank für Ihre nichtssagende Antwort. Jetzt müssten Sie nur noch Funktion und Zielrichtung von schein-laienhaften Antworten auf journalistische Texte verstehen. Diese sind nämlich nicht dazu da, Sie in Ihrem scheisselitären Inselbewusstsein auch noch zu unterstützen, sondern substanzielle Färbungen aus anderen, niederen, unleckereren Realitätsbereichen mit in Ihre Überlegungen einzuordnen. Dass Sie es gerne sähen, wenn Buchhandlungen Sie kostenlos mit Buchtrüffeln versorgten (auch Ihr sicher beachtlicher Konsum allein würde keine Fachbuchhandlung vor dem Konkurs retten), ist klar: Freibier macht Laune!

        Zahlen Sie ordentlich für professionelle approvallists oder geben Sie Buchhändlern Umsatzgarantien (damit sie Ihnen kostspielige Importware – in der Regel unremittierbar – vor’n Rüssel setzen): dann klappt’s auch. Aber diese Freibiermentalität iss zum Kotzen.

        Mit ganz journalistenunverstehenden Grüssen
        (weil ich Sie als einzigen Menschen im mir bekannten Internet wahrgenommen habe, der mir was vom Gourmet-Pferd erzählt, das mich wirklich intellektuell fesselt – das Praktische ist für mich eine andere Welt – Fondor-Hühnchen, rheinischer Sauerbraten von Maggi etc. …)

        Andreas Ullrich

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  8. Auch ich vermisse BuchGourmet sehr. Ich habe aber mit dem Versandbuchhandel Müller Borger aus Wiesbaden einen tollen und mehr als aedäquaten Ersatz gefunden. Zwar keine Wensite; aber regelmäßig Prospekte mit allen Neuen u Antiquarischen Büchern weltweit. Gerade in Internationalen Bereich mit Sicherheit die gleiche Auswahl , wie beim guten Meister Eckel.

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