Espressionist

Ich wäre ein guter Hausmann, glaube ich. Ehrlich.
Wenn sie jetzt ganz leise sind, dann können sie – ganz gleich, wo sie sich auf diesem schönen Erdball befinden – vielleicht das Gelächter meiner Freundin hören, während sie diese Zeilen liest.
Aber es ist mein Ernst. Und da haben wir schon das richtige Stichwort. Ich bin nämlich ein sehr ernster Mensch. Okay, das ist jetzt wirklich gelogen. Dennoch; es zielt auf etwas ab, das völlig und in Gänze der Wahrheit entspricht. Ich verschreibe mich gewissen Dingen mit aller Ernsthaftigkeit und Geduld. Wenn ich mich einer Sache widme, die mir – aus mannigfaltigen Gründen – als wichtig erscheint, dann mit voller Seele und Herzblut.

Neulich zum Beispiel, da habe ich eine Espressomaschine gewonnen. („Ich habe noch nie etwas gewonnen!“). Als ich sie ausgepackt hatte, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. Ich blickte mich in meiner Küche um, sah Microplanes neben DICK-Messern, einen Thermomix, einen Sous-Vide-Garer. Die Küche an sich sehr ordentlich und sagenhaft schön, obgleich sie nur drei Quadratmeter groß ist. Dieser widme ich mich auch regelmäßig und mit aller Verbissenheit, wie sich in den Edelstahlfronten des Geschirrspülers, des Herdes und des Kühlschrankes – im wahrsten Sinne – widerspiegelt. Als ich die spießige Espressomaschine sah, fragte ich mich kurze Zeit, was aus dem Jungen geworden ist, dem 16-jährigen, mit dunkelroten Doc Martens an den Füßen und einen blaugefärbten Irokesen auf dem Kopf, der im Centerpit eines Punkkonzertes zu finden war. Wie dem auch sei; das neue Projekt hieß also „Espressomaschine“ – und es brachte Probleme mit sich, von denen ich zuvor nicht einmal geträumt hatte. Es musste zunächst Platz her. Die Entscheidung fiel schnell, auch wenn sie zunächst etwas schmerzlich war – der Toaster musste verschwinden. Als alter Schwarzbrotliebhaber staubte er bei mir ohnehin nur zu. Als ich endlich alles freigeräumt und den Toaster bei allerlei anderen wichtigen Gerätschaften, wie zum Beispiel dem Brotbackautomaten und dem SodaStream, im Keller verstaut hatte, bemerkte ich schnell, dass ich gar keinen Kaffee für Espressomaschinen zu Hause hatte. Klar, ich hätte einfach in das nächste Geschäft laufen und eine Packung Espresso kaufen können, aber das schien mir nicht durchdacht genug. Ich setzte mich an den Computer und recherchierte, nach Bohnen und ihrer Herkunft, nach Anbaugebieten und üblichen Mahlgraden. Während dieser Recherche merkte ich schnell, dass ich überhaupt gar keine Espressotassen besaß. Auch an dieser Front kämpfte ich gleich über Kleinanzeigen und Auktionsplattformen. Irgendwelche Espressotassen wären mir zu langweilig gewesen und hätten außerdem keine Herausforderung dargestellt. Sie mussten in das Service passen, dass ich von meiner Mutter geerbt hatte. Winterling Indischblau. Das kennen sie nicht? Doch, das kennen sie – ich verspreche es Ihnen!

Auf diese Weise merkte ich wieder welch eine wundersame Erfindung dieses Internet doch ist. Ein paar Klicks genügten und schon hatte ich passende Espressotassen für ein Service, dass seine Ursprünge irgendwo im 19. Jahrhundert gefunden hat. Meine Mutter – die im Übrigen auch immer auf der Suche nach passenden Teilen dazu war – hätte für diese beiden Tässchen samt Untertasse ein halbes Jahr suchend auf Trödelmärkten verbracht.
Von meiner erfolgreichen Recherche beflügelt, ging ich wieder in die Küche und begutachtete das Gerät abermals. Schnell machte sich das flaue Gefühl wieder breit. Wenn man davon absieht, dass meine Freundin mich ohnehin für übergeschnappt hält – und ich bin der Meinung, dass man eigentlich immer davon absehen sollte, wenn sie mich fragen – hat sie vielleicht dennoch recht damit, dass ich mich manchen Dingen im Haushalt zu eifrig verschreibe. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich nicht ein weiterer Gedanke quälte, als ich wieder in der Küche stand und mich fragte, ob ich mit zu viel Elan an gewisse Projekte gehe: Wir haben gar keine Espressolöffel. Kein Problem – sobald mir die genaue Bezeichnung unseres Besteckes wieder einfallen würde, würde ich mich wieder an den PC setzen und diese Angelegenheit erledigen.
Und plötzlich dachte ich wieder an mein 16-Jähriges Pendant, im Nirvana-T-Shirt, das nie so sein wollte, wie die anderen und schon gar nicht so, wie die versnobten Alten. Als ich mich wieder in der Küche umsah, fragte ich mich kurz, ob ich vielleicht zu einem dieser versnobten Alten geworden war. Möglich ist das schon. Wer kann so etwas von sich selbst schon objektiv beurteilen? Später konnte ich diese Gedanken aber vertreiben, als ich dem ersten Espressostrahl zusah, der durch das kleine Gerät lief, während dieses sonor brummte. Es ist jedenfalls das Herz desselben Jungen, das vor Aufregung schneller schlug, als der erste Espresso durchlief.

Aber sicherlich nicht in eine Tasse – sondern in einen Cocktailshaker aus Prohibitionszeiten…
Kaffee und Alkohol sind zwei sagenhafte Freunde. Für diesen Cocktail lassen wir einen Espresso durchlaufen und stellen ihn zur Seite, damit er etwas abkühlen kann. In einen Cocktailshaker mit Eis gefüllt, geben wir 4 cl Vodka, 1 cl Licor 43, 1,5 cl Salzkaramell-Sirup, 2 Dashes Chocolate Bitters und schließlich den abgekühlten Espresso. Das Ganze wird kräftig ungefähr 30 Sekunden geschüttelt. Mit einem Hawthorne Strainer wird der Cocktail in eine große, vorgekühlte Champagnerschale abgeseiht. Wenn man sich einige Sekunden Zeit nimmt, dann setzt sich ein dicker, beinahe sahniger Schaum auf dem Cocktail ab. Auf diesem lassen sich zur Garnitur einige Espressobohnen platzieren.
Ich lehne mich wieder an die Küchenzeile, mit diesem köstlichen Getränk in meiner Hand. Vor dem Älterwerden kann ich mich nicht schützen, das wollte ich auch nie. Aber so zu werden wie die anderen? Niemals.

Der heilige Helge

Zutaten bei BOS FOOD zu bestellen: Finlandia Vodka (Art. Nr. 39696) • Licor 43 • 1Monin Salzkaramell Sirup (Art. Nr. 48476) • Espresso (zum Beispiel Art. Nr. 21917) • Chocolate Bitters (Art. Nr. 45366)

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