Little Black Dress

Ich möchte offen mit Ihnen sprechen: Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Vodka. Vor etlichen Jahren, als ich einen gesunden Kompromiss zwischen den Wogen eines wochenendlichen Rausches und der Finanzierbarkeit eines geeigneten Mittels dazu finden musste, war Vodka der erste Drink am Platz. Von einem Kompromiss im eigentlichen Sinne kann man jedoch nicht wirklich sprechen, zumindest nicht, wenn man damit meint, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geschmack und Preis gefunden zu haben. Das Wässerchen, was sich zumeist ganz unten im Regal des Discounters befand, glänzte zwar durch einen wunderbaren Preis, führte aber zu Masken des Ekels und Entsetzens, wenn das Ganze mit Billig-Cola, Billig-Limo oder Billig-Energy Drink gemixt und schließlich verzehrt wurde. Aller Anfang ist schwer. Aber in der Not trinkt der Teufel Weihwasser. Das ist alles schon so lange her, dass ich mich frage, ob es nicht schon in einem anderen Leben war. Erinnerungen verblassen recht schnell, was meist bedauerlich, in manchen Fällen aber einfach besser ist. An meine frühen Vodka-Eskapaden erinnere ich mir nur noch sehr selten, wenn ich mal im Krankenhaus oder beim Arzt bin und den beißenden Geruch von medizinischem Alkohol wahrnehme.

Die Zeiten haben sich geändert, wenngleich ich ein Lächeln noch immer nicht unterdrücken kann, wenn mir ab und zu der Name eines fiktiven Zaren in der untersten Regalreihe meines Supermarktes auffällt, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Das Interesse an Spirituosen ist gewachsen, der Rauschzustand ist in den Hintergrund gerückt, weil wir nicht mehr vergessen müssen und möchten, dass wir Teenager sind. Wir haben uns soweit akzeptiert und sind mittlerweile eher auf der Suche nach dem guten Geschmack, dem Genuss im eigentlichen Sinne. Meine heutige Assoziation mit Vodka ist eine gänzlich andere. Für mich ist es noch immer eine schillernde Spirituose, eine mysteriöse und allem voran eines: eine missverstandene.

Wenn ich an Vodka denke, kommen mir sofort Szenen des New York der 1960er Jahre in den Sinn. Eine Brücke, die diese Assoziation untermauert ist sicherlich die florierende Barszene New Yorks zu dieser Zeit. Und die florierende Trinkerszene sicherlich nicht zuletzt. Es war eine Zeit, in der niemand überrascht die Stirn in Falten legte, wenn auf dem Spesenkonto seiner Mitarbeiter Barbesuche mit Kunden vermerkt waren, eine Zeit, in der der Three-Martini-Lunch auf dem Höhepunkt seiner Salonfähigkeit war. Der Bourbon war vielleicht schon ein alter Hut, ebenso wie der Gin. Doch da war nun diese kristallklare Spirituose, so oft gefiltert, so oft destilliert, dass sie etwas Reines im wahrsten Sinne an sich hatte. Während der Rum der gemütliche alte Haudegen ist, der einem immer wieder das Gefühl gibt zuhause angekommen zu sein und der Gin mit seinen sagenhaften Martinis und Gimlets einen schon so manchen Unsinn haben verursachen lassen, während Scotch und Bourbon einen schon so oft nachdenklich, vielleicht sogar melancholisch an der Bar sitzen ließen, war der Vodka in meiner Assoziation doch schon immer die adrette Spirituose, der Kosmopolit, die verhängnisvolle Frau im kleinen Schwarzen. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, finde ich mich in einer New Yorker Kellerbar wieder, im schummrigen Licht kann ich Frank Sinatras Stimme vernehmen, während er erklärt, wie hochgewachsen, sonnengebräunt und jung und reizend sie flaniert, das Mädchen aus Ipanema und jeder Mann nicht anders kann, als mit einem verliebten „Aaah“ zu reagieren. Die kleinen Schirmlampen auf den Tischen der Separees flackern ein wenig und ich habe ein Coupette Glas vor mir stehen. Ein Gibson, dieser würzige, salzige und auf eine melancholische Weise verwegene Drink stand schon so oft vor mir, dass ich mich an die einzelnen Male gar nicht erinnern kann. „Was kann ich Ihnen Gutes tun, Sir?“, fragt mich der Barkeeper. „Dasselbe noch mal?“, schiebt er hinterher, während er mein Glas abräumt.

„Was würden Sie denn trinken?“, frage ich mit gewitztem Unterton in der Stimme. „Was ich trinken würde, wenn ich Sie wäre?“, entgegnet er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Na, lassen Sie sich mal überraschen…“, sagt er, bevor er allerhand Utensilien und Flaschen zusammensucht.

„Sind sie öfter in der Upper East Side?“, fragt er, während er mit Flaschen und Dash Bottles hantiert. „Nur zu Besuch, könnte man sagen.“, antworte ich, während ich ihm zusehe. „Und dann ohne Begleitung? Sie sind ja ein Glückspilz.“, gibt er schelmisch zum Besten. Mit einer kleinen Barzange spießt er Cocktailzwiebeln auf einen Spieß und legt diesen in den Drink, der im Grunde genauso aussieht, wie mein vorheriger Gibson. Er stellt den Drink auf eine Cocktailserviette direkt vor mich. „Nicht so gut, wie die Gesellschaft einer Frau. Aber auch nicht viel schlechter.“, spricht er, bevor er mir einen guten Durst wünscht und im Anschluss seine Bar wieder aufräumt. Er sieht aus, wie mein Drink zuvor – und doch ist es etwas völlig anderes.

Für diesen Drink brauchen wir einen charaktervollen Vodka. Ich habe mich für den Kalak Vodka aus Irland entschieden. Er hat einen kristallklaren Geschmack, der einen glauben macht, dass man damit Glas schneiden könnte. Der Duft ist brotig und erinnert mich als alten Rheinländer ohne Zweifel an Pumpernickel. Für unsere Zwecke eignet er sich hervorragend, da er einen sehr speziellen Charakter und eine gewisse Würze hat. Wir geben in ein Rührglas voller Eiswürfel 6 cl Kalak Vodka und 1 cl weißen Wermut, einen Dash Celery Bitters und einen Tropfen Perlzwiebelwasser. Das Ganze wird mit einem Barlöffel mindestens 30 Sekunden kaltgerührt, wobei darauf zu achten ist, dass nicht zu viel Luft untergearbeitet wird. Mit einem Hawthorne Strainer seihen wir den Drink in eine vorgekühlte Coupette Schale ab und garnieren mit drei Perlzwiebeln auf einem Spieß. Eine ist zu wenig. Zwei bringen Unglück.

Ich fröne meinen Gedanken noch einen Moment weiter und genieße die Stille, die Klarheit und den würzigen Geschmack meines Drinks. Die Zeit verfliegt an diesem Ort einer längst vergangenen Epoche. Ich verweile noch etwas hier, lausche der Swing Musik, beobachte die Männer in ihren Schurwollanzügen und die Frauen in Ihren Cocktailkleidern, wie sie an ihren Bloody Marys, ihren Screwdrivers oder Cape Codders nippen. Vodka hat etwas Verwegenes und erinnerte mich immer an eine Zeit, die in Gänze verwegen war. Mysteriös und geheimnisvoll, der Drink und die Umstände. Ich genieße die Zeit an diesem Ort, bevor ich schließlich meinen Trenchcoat überwerfe, meinen Hut nehme und im Grau der Stadt aus Beton und Stahl verschwinde.

Der heilige Helge

Zutaten bei BOS FOOD zu bestellen: 6 cl Kalak Irish Single Malt Vodka (Art. Nr. 47171) • 1 cl Noilly Prat Vermouth (Art. Nr. 11690) • 1 Dash The Bitter Truth Celery Bitters • 3 Perlzwiebeln

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