Der Koch und ich – Kapitel 15 KKW – Kochen-Klingen-Werben

Kann jemand überhaupt auf die Idee kommen, Lautsprecher und gastronomische Erlebnisse in Verbindung zu bringen? Die Frage ist schnell beantwortet. Ja, Krajewski kann das! Ich will jetzt nicht meine damals geplante Doktorarbeit zur Tischmusik seit dem 16. Jahrhundert hervorheben, aber in meiner reichen Erfahrung schlummert die Erkenntnis: Sehr bekannte Köche und *innen sind Laut-Sprecher. In den Küchen gilt es, sich gegen übliche Nebengeräusche, Gehör zu verschaffen. Tisch 4 Zweimal Fischsuppe, Einmal gefüllte Karotte-vegan. Und zackig, wenn ich bitten darf. Sie leben mit dem Lautsprechen, sie präsentieren sich, und die Medien fordern es von ihren Stars. Dass viele Köche heute mit Onlineangeboten ihr Überleben fristen, konnte man und sie, sich vor zwei Jahren nicht vorstellen. Gutes Essen und gute Schallwandler brauchen gute Produkte. Die besten Zutaten garantieren aber noch kein gutes Ergebnis für Gaumen oder Ohren. Erst die professionelle Aufbereitung bzw. Zusammenstellung bringt den Genießern den erwarteten Geschmack. Im Lautsprechersektor jagen die Hersteller von Hi-Fi Boxen nach Testsiegen in den verschiedenen Güteklassen und zahlen gewaltige Summen für Werbeanzeigen in den entsprechenden Hochglanzmagazinen. Dass die Tester in diesen sehr diplomatisch bewerten, ist zu vermuten, denn ohne die gekaufte Werbung könnten sie den Laden dicht machen. Böse Zungen sagen: Werbung macht den Meister. Inwieweit solche Verquickungen in den bekannten Gastroführern angesagt sind, sollten Menschen beantworten, die tiefere Einblicke in diese Szene haben als ich. Ich schaue heute sehr selten in Soundzeitschriften und suche mir Gasthäuser und Winzereien lieber selber aus, ohne Tipps abgeneigt zu sein, die mir gastrosophische Leckerschmecker kostenfrei ins Ohr flüstern. Aber nochmals zu den Zutaten. Edelste Produkte, falsch zusammengestückelt, führen zu unedlen Ergebnissen und so verwundert es nicht, wenn ein hochgelobter Testsieger im Edelgehäuse klingt wie ein Furz in der Acrylunterhose und das tolle Nackensteak mit Kartoffelsalat aus dem Eimer nicht harmonieren will und spät serviert führt dazu, dass das passende Weizenbier schon halb ausgetrunken ist. Aber was habe ich eigentlich mit der Wandlung von Schall zu tun?

Also es war so:
Meine Begeisterung für gute Lautsprecher hatte mit Hilfe einer kleinen schwäbischen Soundschmiede dazu geführt, dass die zweite Etage unseres Hauses ein Studio barg, in dem häufig der Bär tobte. Samstags kamen die Klassikhörer aus Gütersloh zu spät und die Heavy Metal Genießer aus Trier zu früh zu den geplanten Hörterminen. Schwierig, ähnlich wie im Gasthaus, wenn ein Tisch zweimal vergeben wird und die Erstbesetzer einfach nicht aufstehen wollen. Hatten wir von einem Bausatz schwarze Gehäuse auf Lager wollte der Kunde Kirschbaum oder umgekehrt. Die Innenbestückungen waren manchmal nicht vollständig und wenn ich mit Ware aus der Stuttgarter Gegend zurück kam, konnte ich vor der Tür Ab Wagen Verkauf machen. Die Chefin fuhr gelegentlich mit und wir mieteten uns in Balingen, dem Hauptsitz der Klangtüftler, im Hotel Hamann ein, genossen den Zwiebelrostbraten mit knusperigen Kartoffelecken. Oder hielten Maultaschen feil, auf dem Gaisburger Marsch zu sauren Kutteln. Auf Geschäftskosten versteht sich.

Nicht ganz im Sinne des schwäbischen Sprichwortes: Bei de Reiche lärnd ma s’schbara, bei de Arme s’kocha. Ein kulinarisches Erlebnis war Linsensuppe mit Spätzle. Die gibts heute noch manchmal bei uns. Das Geschäft brummte. Nein das hatte mit der Linsensuppe nichts zu tun. Kein Profihifihändler in der Gegend verkaufte annähernd so viel Boxen wie wir. Sogar der Hessische Rundfunk wurde mit Abhörlautsprecher für das Studio beliefert. Mitanbieter hatten keine Chance. Die ganze Sache war aber eigentlich darauf angelegt, das Steueraufkommen meines Lehrergehaltes auf Null zu drücken. Durch die Verluste, die das Gewerbe einfuhr. Psst, nicht weitersagen, ist aber auch schon verjährt. Aber der Umsatz war sehr beeindruckend und so manches Restaurant bestellte Lautsprecher, die nicht unbedingt laut sein sollten, aber deutlich. Zu gutem Appetit sollt eben guter Klang gehören. Anfang des neuen Jahrtauends lief das Ganze dann langsam aus, denn immer weniger durchblickende Soundliebhaber definierten sich über ihre HiFi-Anlage. Und immer mehr Prolls und Autoposer kamen und meinten: Ey Alter bau mir ma richtig Mucke inne Kiste! Das war nix mehr für mich. Irgendwann haben wir die kleine Firma dann endgültig ad acta gelegt. Ich denke gerne an diesen Stress zurück, wir verkauften hochwertige Produkte mit einem extremen Wirkungsgrad. Die Testsieger aus den einschlägigen Hi-FI-Zeitschriften lernten bei uns das Fürchten. Es gab Hörwillige, die mit ihren teuren Edelholzgehäusen und überlegenem Lächeln in unseren Vorführraum kamen und bedröppelt wieder ab zogen. Einige ließen ihre Boxen gleich bei uns stehen und nahmen neue mit. Ich erklärte ihnen, dass in einer 1000 DM Box nur für etwa 120 DM Technik verbaut sind. Auch manchmal klanglich. Der Rest floss an Zwischenhändler, Zierringe, Schnickschnack und Werbung usw. Das Innere an Technik von Boxen kann man heute wahrscheinlich in Euro transferieren. Es hat sich nicht viel geändert. Da es von uns keine Werbung gab, außer die von Mund zu Ohr, war das Preis-Leistungsverhältnis wesentlich besser. Wir boten ganze Systeme inkl. Verstärker und CD-Player an. Das Telefon klingelte den ganzen Tag und nachts auch schon mal. Wenn wir aus dem Urlaub kamen mussten wir zunächst Telefonlisten abhaken. Ein unglaubliches Erlebnis war das akustische Scheitern der Beschallungsanlage im neuen Bundestag in Bonn. Brummdrönen und Pfeifen auf der ganzen Linie. Die millionenschwere Anlage funktionierte nicht wie erwartet. Und hier war deutlich zu sehen, dass beste und teure Klangwandler, wie Kraut und Rüben zusammen gestückelt, keinen guten Klang brachten. Wie bei guten Produkten in der Küche, die ungeübte Köche vermurksen. Alle Chassis strahlten überall hin und die Phasendrehungen ließen eine Übertragung ohne Rückkopplungen nicht zu. Als ich mit dem Chef des orbitalen Klangfirma Martin Beyersdorffer (seelig eingedenk) im Gebäude war und wir das Chaos betrachteten, machte dieser dem berühmten Architekten Behnisch das Angebot, eine alternative Anlage zu liefern, die nur aus einer einzigen hängenden Pyramide bestand. In einem ungewöhnlichen Design aus nicht alltäglichem Material. Die anwesenden Techniker lächelten still in sich hinein und bedienten verzweifelt die Equilizerbatterien im Schaltraum. Ohne Erfolg. Zur Generalprobe setzte man auf die Stühle für die Abgeordneten, Pappkartons ohne Inhalt. Das wollte ich nicht glauben, als ich es in der Zeitung las. Akustisch völlig daneben. Einige Monate später entdeckte ich während der abendlichen Tagesschau, dass sämtliche Deckenlautsprecher pyramidenörmig angeordnet waren. Die Probleme mit der Beschallung, über dem Bundesadler, waren auf einem Schlag erledigt. Die Heerscharen von Akustikspezialisten zogen ab. Es wurden keine Kosten erstattet, da die Anlage bereits bezahlt war und lediglich den Stand der Technik darstelle schrieb süßmutig eine Ministerin. Ach ja, jetzt doch? Diese Vorgänge sind alle archiviert und liegen als Druckerzeugnisse vor. Noch heute melden sich Kunden von damals und fragen wie es mir so gehe. Manche bringen ihre Lautsprecher, die unter Sickenfraß leiden, zur Reparatur, denn die sind, auch nach zwanzig Jahren, immer noch deutlich, also hörbar, besser, als die Plastikbomber der Neuzeit. Ich helfe den alten Fans manchmal, wenn ich mal wieder meine nostalgische Ader entdecke. Jürgen Dollase schmunzelt vielleicht über meinen Bericht, denn seine erste Frage nach Konzerten seiner Band war: „Wie war der Sound?“ Ich lese manchmal von ihm, wie das Essen war.

Frank-Krajewsk
Foto © Claus Kuhlen

 

Freuen Sie sich nächsten Sonntag auf ein weiteres, neues Kapitel aus dem spannenden kulinarischem Leben von Frank Krajewski.

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