Ein Wein, zwei Säfte. Thomas Gottschalk verläuft sich im Weinberg

Was den TV-Entertainer Thomas Gottschalk (70) angeht, habe ich ein vermutlich nicht sehr häufig anzutreffendes Informationsdefizit. Ich kenne den Herrn kaum, weil ich seine Sendungen nicht verfolge oder das Programm wechsele, falls ich zufällig darauf treffe. Das geht mir bei diversen seiner Kollegen nicht anders, mich interessieren solche Unterhaltungssendungen einfach nicht.

Es macht mir allerdings große Sorgen, dass man nun auch bei Produkten verstärkt versucht, Merchandising zu betreiben, also Dinge mit dem Namen eines für bestimmte Bevölkerungsgruppen Prominenten zu verkaufen. Bei Rockbands auf Tournee war und ist das eine wichtige Einnahmequelle, und wenn es in Großbritannien mal wieder eine Royal Wedding gibt, kann man im ganzen Land Teller und Tassen mit Aufdruck kaufen. Man hat sich auch daran gewöhnt, dass Prominente aller Art Rezeptbücher zu Geld machen. Man will sich allerdings nicht daran gewöhnen, dass dieser Unsinn bei manchen Verlagen wirklich Sinnvolles verdrängt. Heute ist die Chance, dass ein hervorragender deutscher Koch ein großes, seine überragenden Leistungen dokumentierendes Buch machen kann, wesentlich geringer, als ein Kochbuch mit eines/einer TV-ModeratorIn, die irgendwo in der Gegend rumreist und jedes Feeling, das sich anhand der Bilder einstellen könnte, zerquasselt. Warum also Wein von Gottschalk? Kulinarische Gründe dafür gibt es – um das vorwegzunehmen – jedenfalls nicht.

Die Serie
Seit Anfang August werden vom Discounter NETTO drei Weine von Thomas Gottschalk verkauft und im Laden mit Aufstellern beworben. Ich habe die Weine für jeweils 5,95 Euro gekauft. Wie zu hören ist, soll der Rotwein später für 6,95 Euro angeboten werden. In dem NETTO-Laden, in dem ich den Wein gekauft habe, standen keine größeren Mengen im Regal. NETTO wirbt ja ganz allgemein auch mit Auszeichnungen für die Weinauswahl. Ich verfolge die Angebote der Discounter seit vielen Jahren, und dabei auch das, was außerhalb des festen Sortiments angeboten wird. Ich habe nicht den Eindruck, dass bei NETTO mit dem Wein besonders gut gearbeitet wird.

Der Gottschalk-Wein kommuniziert auf dem Etikett nur Gottschalk – per „Wetten, dass – Zitat“ (Wetten, der schmeckt“), als Schattenriss, mit Unterschrift. Die vorgeschriebenen Informationen finden sich auf der Rückseite. Woher der Wein letztlich kommt, bleibt unklar. Außer der Herkunft Kalifornien ist nichts kommuniziert. Man redet von Malibu – was aber natürlich auch überhaupt nichts besagt.

Weiß: Chardonnay
Bei einer so schwachen Qualität kann man kaum sachlich bleiben. Salopp ausgedrückt könnte man sagen, dass Thomas Gottschalk bei der nach unten offenen Skala für schlechte Chardonnays neue Maßstäbe setzt. Es bleibt unklar, warum man einen so schlechten, untypischen Chardonnay veröffentlicht (der als „feinherb“ beworben wird), wo es doch Unmengen von Chardonnays aus Neuseeland, Australien oder Kalifornien gibt, die mit ihrer klaren Frische oder auch ihrem Körperreichtum seit vielen Jahren und zu günstigen Preisen die Kunden erfreuen. Der Wein zeigt einen eklatanten Mangel an Körper. Man hat einen Hauch von Fruchtigkeit, die sich aber in ihrer geringen Intensität schnell auflöst und ausgelaugt wirkt. Es gibt etwas Säure, die aber so isoliert schmeckt, dass sich einfach kein Eindruck eines ganz normalen, seriös entwickelten Weins einstellen will.

Wenn man ihn dann etwa zu Salaten trinkt, bekommt man den Beweis für den Eindruck mangelnder Substanz ganz überdeutlich: was vom Wein in diesem Zusammenhang bleibt, ist eine Art dünner, süßlicher Fruchtsaft. Sonst nichts. Er kommt mit den Aromen eines ganz normalen Salats mangels Körper nicht zurecht. Mit einem auch nur einigermaßen „normalen“ Chardonnay hat das nichts zu tun. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist schlecht. Es gibt Unmengen von Weinen auch bei den Discountern, die deutlich besser sind.

Rosé: Zinfandel
Der Rosé ist ganz ähnlich aufgebaut wie der Chardonnay, nur mit mehr Frucht, die allerdings nicht weinig, sondern billig, wie ein schlechtes Himbeerbonbon schmeckt. Auch hier fehlt die Anbindung der Frucht an einen ganz normalen, substantiell-weinigen Extrakt. Die Abläufe sind ähnlich wie beim Chardonnay, nur auf einem etwas intensiveren – man könnte auch sagen: penetranteren – Level. Der Effekt zum Essen hat hier geradezu einen Molekularküchen-Effekt. Man trinkt einen Schluck Wein und hat – wenn man nicht wirklich hinschmeckt – eben irgendeinen Rosé im Glas. Dann isst man ein paar Löffel Salat mit Gemüse usw., trinkt einen Schluck Wein und hat sozusagen puren Himbeersaft. Auch dieser Wein hätte wegen seiner schwachen Machart nicht veröffentlicht werden sollen. Er ist eher ein Getränk, auf dem „Wein“ steht, kein Wein, der mit der Konkurrenz mithalten kann. Leichte Rosé-Weine gibt es in anderen Ländern übrigens in sehr viel größeren Mengen, als bei uns – etwa in den Niederlanden.

Rot: Ruby Cabernet
Der Rotwein ist der einzige der drei Weine, der irgendwie brauchbar schmeckt. Auch er ist nichts für Leute, die gerne einen guten Rotwein trinken, und auch er hat in den Discounter-Regalen viel Konkurrenz, die besser schmeckt und billiger ist. Immerhin hat er in etwa die normale Struktur eines Weines und das bedeutet hier vor allem etwas Körper, der Frucht und Säure zusammenhält und ein kompaktes Resultat ermöglicht. Er hat durchaus eine gewisse Länge und ist der einzige der drei Weine, bei dem man sich unter „Easy Wine“ etwas vorstellen kann. Dass er demnächst ein Euro teurer werden soll, wundert nicht, weil seine Herstellung offensichtlich etwas mehr Arbeit gemacht hat.

Schlussbemerkung: Warum muss man nur immer an Francis Ford Coppola denken?
Aus irgendwelchen Gründen muss ich bei Gottschalk-Malibu-Hollywood-Wein immer an den amerikanischen Star-Regisseur Francis Ford Coppola („der Pate“) und seine Weine denken. Sie wurden in der Weinwelt ebenfalls nicht mit einem übermäßigen Enthusiasmus aufgenommen und es hat Jahre gedauert, bis sie sich etabliert hatten. Ich habe sie zuerst – um ehrlich zu sein – wegen des wunderbar altmodischen, so gar nicht nach heller Weinweltt aussehenden Etikett gekauft, das irgendwie wertiger aussieht, je teurer die Flasche ist. Mir wurde dann sehr schnell klar, warum man über diese Weine – die viel teurer als die von Gottschalk und in absolut keiner Weise mit ihnen vergleichbar sind – gerne kontrovers diskutiert. Coppola hat seine Vorstellung und seine Linie, oft üppig, oft etwas jenseits der Regeln, individuell, wie die Weine einer Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Das gefällt mir, das trinke ich mit, wenn ich wieder einmal auf das Etikett „hereinfalle“. So ein Wein auf dem Tisch sieht einfach gut aus… So kann man sich Hollywood-Weine vorstellen. Das passt. Gottschalk ist da einfach nur extrem banal.

Fazit
Mit einem Begriff wie „Easy Wines“ versucht man hier natürlich, jeder Kritik an der Qualität gleich aus dem Weg zu gehen: es ist alles nicht so ernst, einfach ein guter Schluck Wein, wetten, dass er schmeckt. Aber – ganz so einfach ist es nun doch nicht, weil man auf diese Weise dann jeden Unsinn verkaufen könnte. Jedes Produkt steht im Kontext seiner Konkurrenten, im Kontext der Preise, im Kontext der Meinungsbildung, Hier wird mit einem hohen Popularitäts-Gewicht ein schwaches Produkt letztlich als in seiner Art sehr gut verkauft. Und das entspricht nicht den Realitäten. Man fragt sich, wofür dieser Wein eigentlich gedacht sein könnte und kommt nur auf jene Bilder von Konsumenten, denen Qualität im Grunde egal ist. Man stellt sich Stehempfänge vor, bei denen das „als ob“ dominiert, eine Versammlung von Selbstdarstellern und Möchtegerns, die vom Service, der mit einem Tablett mit Gläsern kommt und fragt: „Rot, Weiß oder Rosé?“ Ist das vielleicht eine neue Form von „Weniger ist mehr?“, dem Wahlspruch der Leute mit einem niedrigen Intelligenzquotienten?

Fotos © NETTO www.netto-online.de/weine

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