Zum Tode von Carola Gerfer-Ruhl (1963 – 2024)

 

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist Carola Gerfer-Ruhl, die zusammen mit Thomas Ruhl die legendären Zeitschrift „Port Culinaire“ und den legendären Kochkongress „Chefsache“ gemacht hat, an den Folgen einer Krebserkrankung friedlich eingeschlafen und von uns gegangen. Köche, Gourmets und hervorragende Produzenten aus aller Welt trauern um eine markante Persönlichkeit, die vielen von ihnen – ob per Print oder in Form einer Performance bei der „Chefsache“ eine ebenso intensive wie schöne und einflussreiche Plattform gegeben hat. Meine Frau und ich verlieren mit ihr nicht zuletzt auch einen Menschen, mit dem man ebenso wunderbar entspannt zusammenarbeiten wie die Freude an unseren Hunden teilen konnte. Hier ein persönlicher Nachruf.

Ich hatte bei einer Ausgabe der „Chefsache“ einmal eine bekannte Fernsehmoderatorin als Gast eingeladen und sie in den Backstage-Bereich mitgenommen, der eine unnachahmliche Mischung aus Küchengeräten, herumwuselnden Köchen und improvisierter Garderobe war. Irgendwo im Raum standen ein paar Köche zusammen und hatten erkennbar Spaß daran, sich hier zu treffen. Es waren (ich weiß es nicht mehr ganz genau…) auf alle Fälle Albert Adria, Alexandre Gauthier und noch ein oder zwei weltweit bekannte Namen. Ich habe meinem Gast, der ohnehin schon mit allergrößten Augen die Szenerie verfolgte, die Namen genannt und kurz einen Satz dazu. „Aber…das sind ja alles Weltstars!“ sagte sie, „und sie benehmen sich hier völlig normal, entspannt, keiner macht irgendeine Inszenierung, nichts. Das ist ja unfassbar! In meiner Talkshow machen oft selbst die kleinsten Schlagersänger einen fürchterlich zickigen Aufstand. Aber das hier sind Weltstars!“ Will sagen: Carola Gerfer-Ruhl hatte bei der Chefsache und überhaupt eine ganz besondere Atmosphäre entfaltet, die ganz ihrer Persönlichkeit entsprach und ideal für das Entstehen einer Atmosphäre voller kreativer Freiheiten, persönlicher Integrität wie Entfaltung war. Sie hatte ein untrügliches Gespür dafür, wie man mit diesen kreativen Spitzenstars umgehen musste, damit sie sich wohlfühlen und rund um ihr Fach eine Art Aura entfalten, die das Beste in ihnen wie das Beste des Faches vermittelt.

Die Organisation einer solchen Veranstaltung ist eine gewaltige Aufgabe – vor allem wegen der enormen Zahl an weltweiten Kontakten, die notwendig sind, um alle Köche pünktlich auf die Bühne zu bringen. Die Probleme mit der Kommunikation (die sie virtuos mit modernster Technik und großer Kenntnis internationaler Gepflogenheiten erledigte) dauerten oft bis unmittelbar vor den Auftritten, weil irgendwelche internationalen Video-Links nicht klappten oder ein Datenstick per Kurier noch nicht eingetroffen war, die von einem Japaner gewünschten Produkte einfach nicht aufzutreiben waren oder irgendein Flug oder Zug zu spät dran war.

Carola war immer in der Lage, derartige Probleme gut gelaunt und mit einem wahrlich ansteckenden Schwung voller Lebensfreude zu lösen. Wenn man sie dann während der Veranstaltung sah, wirkte sie regelmäßig souverän und völlig unprätentiös: man ist so, wie man ist und bleibt so, wie man ist, es kann nur sein, dass man mal verschiedene Sachen macht. – Die Chefsache in ihrer reinsten Version war ein magnetischer Anziehungspunkt für die Besten der Besten, denen dann Aussteller folgten, die die Besten der Besten versorgen. Die Anzahl der Spitzenköche, die nicht auftraten, sondern kamen, um die Präsentationen der Kollegen anzusehen, war gigantisch. – Dann kamen andere hinzu, die auf „Events“ spezialisiert waren und die weder die Qualität noch den Zauber der „Chefsach“ verstanden. Es kamen Leute, die meinten alles besser zu wissen und dann alles an die Wand gefahren haben. Das Niveau, den Esprit der „Chefsache“ von Carola und Thomas haben sie nie auch nur ansatzweise erreicht.

Carola Gerfer-Ruhl, Thomas Ruhl und Peppone

Carola, Thomas und ich waren etliche Male gemeinsam für die „Avantgarde“ – Serie in „Port Culinaire“ unterwegs – von Moskau bis Denia sozusagen. Es war faszinierend, wie cool sie alles geplant hatte und wie sie uns für die Arbeit freigestellt hat. Thomas war mit den Fotos beschäftigt, ich mit dem Essen und den Köchen, sie machte den Platz für ruhiges, konzentriertes Arbeiten, es wirkte oft beiläufig, normal, als ob man nicht jeden Tag eine ganze Liste von organisatorischen Dingen zu erledigen hätte. Sie war überall, schnell, vorausdenkend, einfühlend in das, was jetzt am besten wäre und immer voller Empathie. Ihre manchmal auch etwas kurze Lunte verwies auf ein irgendwie leicht südländisches Temperament: man sollte sich ruhig aufregen, wenn es etwas aufzuregen gibt. Danach ist dann aber auch wieder alles gut wie vorher…Kulinarisch gesehen hatte Carola einen ausgeprägt gesunden Menschenverstand. Das darf man aber nicht falsch verstehen, weil es bei ihr in keinster Weise um den eigentlich ungesunden Menschenverstand der Biertische ging, sondern um eine realistische, von keinerlei Vorurteilen geprägt Einschätzung aller Küchenstile zwischen Klassik und Avantgarde. Da kamen dann bisweilen kleine Gesten oder wenig Worte und man verstand, dass sie das präzise eingeordnet hatte. Sie war eben durch die vielen Expeditionen rund um den Globus mit Thomas international erfahren und hatte mehr von der kulinarischen Welt gesehen als die allermeisten Spezialisten.

Und so war auch ihre Arbeit als Blattmacherin von „Port Culinaire“ strukturiert. Es war mir immer eine Freude, an diesem Projekt mitzuwirken, an einem Projekt, bei dem jeder machte, was er kann und alle können, was sie machen und wissen, dass hier Profis am Werk sind, die man nicht mit ständigen Diskussionen ablenken muss. Von heute aus gesehen erscheint mir diese kooperative Führung als optimal für ein inhaltlich hohes Niveau und durchaus nicht archaisch: ganz im Gegenteil weiß ich heute diese Arbeitsweise mehr zu schätzen denn je, weil sich über die Jahre immer wieder gezeigt hat, dass in einem solchen Bereich die Arbeit mit Gremien und Sitzungen nur negative Folgen hat. Insofern gab es rund um die Texte auch keinerlei Diskussionen. Dass es hier um einen maximalen Einsatz ging, um no-nonsense-Texte und Fotos, die sich wirklich mit der Materie befassen und keine pädagogisch motivierten Zielgruppen im Auge haben, machte die Sache noch klarer. Es war mir ein Vergnügen, und das Ergebnis nicht nur bei der Avantgarde-Serie referentiell: nirgendwo wurde so präzise und ausführlich Kochkunst in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert wie in Port Culinaire. Dass man das trotzdem beenden musste, ist der Zeit geschuldet – und vielleicht auch denjenigen, die – anders als etwa in Frankreich – eine Unterstützung durch mehr Werbung glatt versäumt haben. Die Qualität der Arbeit von Carola (und natürlich auch Thomas) steht unumstritten, ist schon legendär und wird noch legendärer werden.

Carola Gerfer-Ruhl am Set für ein Weihnachtskarten-Foto

Und wie das so ist: dann war es mit „Port Culinaire“ und der „Chefsache“ (die immerhin noch irgendwie als Name weiter existiert) vorbei und so langsam näherte sich das Rentenalter und die Zeit, es etwas anders angehen zu lassen. Wir hörten weniger von Carola und Thomas, verfolgten aber, dass sie auch weiter viel reisten. In Frankreich haben wir uns im Herbst leider einmal um einen Tag in einem Restaurant verpasst, solche Dinge. Über unsere Hunde, die bisweilen einen regen Mail-Wechsel unterhielten, wussten wir oft mehr. Dann kam ein erschreckendes Bild: Carola im Rollstuhl. Ein Karzinom hatte in die Hüfte gestreut, dann entdeckte man den Ausgangsherd in der Lunge. Sie sei in besten Händen, sagte Thomas, und er freue sich darauf, dass sie wieder komplett gesundet. So war es nicht, wir sind tief betroffen und fühlen mit Thomas. Carola war ein wichtiger Teil unseres Lebens, ihr Esprit hat Dimensionen möglich gemacht, die neuartige Höhen erreicht haben und ihren Wert vollständig erhalten werden. So, wie sie das organisiert hat, so wie sie die Organisation gefüllt hat, muss man es machen.

Wir persönlich verlieren mit Carola eine großartige, liebenswerte Freundin.

Carola Gerfer-Ruhl hat sich um die Kochkunst und die Gourmandise äußerst verdient gemacht.

Alle Bilder: Port Culinaire/Thomas Ruhl

1 Gedanke zu „Zum Tode von Carola Gerfer-Ruhl (1963 – 2024)“

  1. Lieber Jürgen Dollase
    Danke für diesen Kommentar, dem nichts hinzuzufügen ist. Genau so bleibt mir die liebenswürdige Carola in Erinnerung. Die paar Mal, als wir uns persönlich an der Internorga oder auf der Chefsache getroffen haben waren geprägt von einem sehr entspannten aufeinander zukommen. Thomas und Carola haben den Titel Chefsache personifiziert, gemeinsam mit Jürgen Dollase und auch Ralf Bos. Schade, dass diese tolle Get togehther Party (ich erinnere mich an HH und vor allem Köln) in falsche Hände gekommen ist.
    R.I.P. liebe Carola Ruhl
    Dem Thomas und der Familie wünsche ich viel Kraft in diesen schweren Stunden!
    Herzlichst René Widmer aus der Schweiz

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