
Mit einer vor allem bei näherem Hinsehen katastrophalen Präsentation der neuen Sterne für das Jahr 2026 hat der Guide Michelin in geradezu brüsker Manier gezeigt, dass es ihm längst nicht mehr um die Köche und schon gar nicht um die Sache als solche geht. Hierzu folgende Anmerkungen:
- Es ist geradezu ein Affront gegenüber der deutschen Spitzenküche, dass man sich bei Michelin personell so arg zurückgehalten hat. Der Chef war nicht da, kein weiterer Offizieller zu erkennen und überhaupt kein sachkundiger Kommentar. Auch sonst gab es wenig personellen Glanz – immer verglichen mit anderen Präsentationen in anderen Ländern. Statt dessen überließ man die Sache in einer Art Billigversion vollständig einem unkundigen Moderator, der – wie schon in früheren Jahren – noch nicht einmal alle Namen der Köche richtig aussprechen konnte.
- Ein Außenstehender dürfte Schwierigkeiten gehabt haben, zu verstehen, worum es überhaupt geht. Es gab keinerlei wirkliche kulinarische Würdigungen, keine Darstellungen der Küche – nichts. Im Zusammenhang damit sogar etwas Unglaubliches:
- Es gab keinerlei aussagekräftige Bilder von den Gerichten der Preisträger. Alles Gerede spielte sich in einer Art luftleeren Raum ab, ohne konkreten Bezug, ohne konkrete Aussage darüber, warum denn eigentlich die Ehrung ausgesprochen wurde.
- Persönlich fand ich fast das Schlimmste, dass der Moderator die Köche wie eine Art semi-dementer Jugendlicher behandelte. Wenn er wieder einmal seinen blödesten Satz („Wie fühlst Du jetzt?“ „Was macht das mit Dir?“) einsetzte und wieder einmal Köche wie eine Gruppe von Altersheiminsassen bei einer Kaffeefahrt auf der Bühne herumschob, war das nur zum Fremdschämen. Wertschätzung für die Köche ist etwas anderes, als ein paar Sätze Richtung Sven Elverfeld.
- Auf einer Meta-Ebene entwickelt sich durch die Präsentation und das Verhalten des Moderators ein Bild von unseren grandiosen Könnern am Herd, bei dem diese irgendwie unterbelichtet wirken, irgendwie rumstehend, irgendwie nicht wirklich flott vor sich hinredend, irgendwie dem scheinbar überlegenen Moderator kaum gewachsen. Und weil – siehe oben – es auch keinerlei Würdigung der Arbeit der Köche gab, hatten sie auch nicht den Nimbus, der durch eine Laudation (und wenn sie noch so kurz wäre) entstehen würde. Sie wurden zu Schachfiguren in einem Spiel degradiert, das sie nicht an Ort und Stelle gewinnen konnten. – P.S. Köche können oft ganz ausgezeichnet über ihre Arbeit reden. Man muss sie nur richtig ansprechen.
- Man muss daran erinnern, dass der Guide Michelin ein Privatunternehmen ist – auch wenn er im kulinarischen Bereich den Anschein einer Art staatlichen Instanz erweckt. Die Geldgeber jedenfalls bekamen die vermutlich vertraglich zugesicherten Zeiten. Der Guide Michelin arbeitet kommerziell, strukturell dadurch nie ganz unabhängig und – auf das Fach bezogen – seriös, weil er nicht eindeutig an der Kochkunst interessiert und orientiert erscheint.
- Um langsam ins Stilistische überzugehen: die Ein-Sterne-Köche werden zunehmend so präsentiert, als ob der erste Stern eine Art Nachwuchswettbewerb oder Irgendetwas für Newcomer wäre. Es fehlt seit Jahren an Auszeichnungen für langjährig erfolgreiche, zuverlässig und gut arbeitende Köche, die dann irgendwann auch einmal einen Stern verdient haben.
- Der Guide Michelin wirkt alt, weil er irgendwann einmal die falsche Abzweigung genommen hat und seit langem schon nicht mehr mit dem zurechtkommt, was real existiert. Die Konzentration auf eine oft sehr artifizielle, sich auffällig oft per Copy-and-Paste fortpflanzende Spitzenküche hat dazu geführt, dass der Führer nicht in der Lage ist, alles, was kulinarisch wirklich gut ist, adäquat zu erfassen und zu würdigen. Um es in ein Bild zu bringen: Die Mère Brazier, die in den 30er Jahren gleich zwei Restaurants mit drei Michelin-Sternen führte, würde heute keinen Stern mehr bekommen – wenn ihre Arbeit denn überhaupt entdeckt werden würde. Und dies nicht deswegen, weil die Kochkunst sich wie der Weltrekord im 100-Meter-Lauf fortentwickelt hätte, sondern deswegen, weil man bei Michelin vergessen hat, was Kochkunst ist und dass gute Küche nie veraltet.
- Der Guide Michelin wirkt zu modisch orientiert, weil er offensichtlich und ganz nach Business-Plan mit allem spielt, was den medialen Hyper-Populismus auf allen Kanälen ausmacht. Ihm fehlt vor allem das fachliche Rückgrat, das auch dazu führen müsste, dass man manche Praktiken der besten Restaurants kritisch sieht und gleichzeitig im Bereich der Regionalküche oder traditionellen Küche Großartiges findet.
- Der Guide Michelin ist dabei, sich zu überleben. Noch funktionieren medial die uralten Mechanismen, die Mär von einer kaum zu fassenden, aber funktionierenden Instanz. Aber – die Zahl der Gegner wächst erheblich an und wird weiter anwachsen, weil der Führer seine Arbeit nicht ordentlich macht. Ich hatte vor Jahren schon geschrieben, dass der grüne Stern Unsinn ist und man statt dessen lieber einen gelben Stern (o.ä.) für Regionalküche und Traditionsküche verleihen sollte. Funktionalität ist das, was die vielen Online-Bewertungssysteme haben. Ihre Schwäche ist, dass sie keine belastbaren qualitativen Bezüge haben. Wer sich nicht voll und ganz auf die Seite der Qualität schlägt, wird als Instanz verlieren.





Ich kann mich der profunden Kritik von Jürgen Dollase nur anschließen, möchte die Perspektive jedoch um die entscheidende wirtschaftliche Komponente erweitern.
Nach wie vor hält sich in der Öffentlichkeit die irrige Vorstellung, beim Guide Michelin ginge es primär um die Gastronomie, um die Köche oder um die Förderung kulinarischer Qualität. Die Realität im Jahr 2026 sieht anders aus: Der Guide Michelin ist längst ein knallhartes Geschäftsmodell, das „gastronomische Reputation“ als Ware an Staaten, Tourismusverbände, Regionen und Städte verkauft – und zwar für Millionen an Steuergeldern.
Ob in Thailand oder Malaysia: Überall, wo staatliche Budgets oder vermögende Privat-Konsortien fließen, folgen die Sterne im Gleichschritt. Es lässt sich mathematisch fast exakt ausrechnen, wie viele Millionen bewilligt werden müssen, damit Höchstbewertungen vergeben werden. Wie sonst ließe sich erklären, dass Spitzenrestaurants wie das Frantzén in den Emiraten (finanziert von milliardenschweren schwedischen Eignern) scheinbar aus dem Stand und in Rekordzeit nach der Eröffnung mit drei Sternen dekoriert werden? Man muss sich die simple Frage stellen: Welches Land würde bitteschön Millionen an Steuergeldern für die Nachricht überweisen: „Tut uns leid, Ihre Restaurants sind leider nicht gut genug“?
Die fatalen Folgen dieses Systems zeigen sich auf allen Ebenen:
Entwertung der Auszeichnung: Das Niveau im Ein-Sterne-Bereich ist beträchtlich gesunken. Früher war der erste Stern das Lebensziel eines Kochs, für das – gerade in Deutschland – jahrelang eine enorme, konstante Leistung erbracht werden musste. Heute gleicht er einer flüchtigen Etappe im Lebenslauf, einer bloßen Strichliste.
Das Dogma des blinden Glaubens: Felix B. sprach von der „Kompetenz der Redaktion“. Doch es gibt keinerlei neutrale, überprüfbare Fakten, die diese Kompetenz attestieren. Der Kunde und die Branche müssen dem Guide einfach glauben, dass er qualifizierte Inspektoren beschäftigt und flächendeckend testet. Es handelt sich um ein quasi-religiöses System: Wer den Glauben anzweifelt, wird vom System zügig als Ketzer deklariert.
Dass diese Zweifel vollkommen berechtigt sind, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der europäischen Regionalpolitik. Nach Berichten der belgischen Tageszeitung La Libre wurde der Region Brüssel die Ausrichtung der Michelin-Gala angetragen. Die von der Abgeordneten Ludivine de Magnanville (ehemalige Vorsitzende des Brüsseler Gastronomieverbands) genannten Zahlen sind beträchtlich: 500.000 Euro pro Jahr verlangte Michelin im Rahmen einer Partnerships bei einer Mindestlaufzeit von drei bis fielen Jahren. Die Kosten für Logistik, Saalmiete und Eventorganisation kamen für die Region noch obendrauf.
Entlarvend sind de Magnanvilles Berichte über die Verkaufsgespräche mit einem Michelin-Vertriebsleiter. Dieser soll ganz unverblümt angedeutet haben, man könne den Inspektoren ja „nahelegen“, sich stärker auf die Region Brüssel zu konzentrieren, um der sternenarmen Region „besondere Aufmerksamkeit“ zu widmen. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen redaktioneller Unabhängigkeit, regionalem Marketing und gastronomischer Diplomatie…
Zu guter Letzt schafft der Guide Michelin in vielen Märkten klammheimlich sein eigenes Erbe ab: das gedruckte Buch. Viele Köche wollten sich mit ihren Sternen auch ein Stück weit in die Gastronomiegeschichte einschreiben. In Zukunft wird das unmöglich sein. Ohne das gedruckte, unveränderliche Dokument wird die historische Sterneentwicklung auf einer dynamischen, manipulierbaren Website kaum noch verlässlich nachzuvollziehen sein.
Der Guide Michelin schafft sich als verlässliche kulinarische Instanz gerade selber ab. Was bleibt, ist eine Marketing-Agentur mit angeschlossenem Award-Zirkus.
Wunderbar, vielen Dank, teile in vielen Punkten Ihre Gedanken, vor allem in Bezug auf die Undurchsichtigkeit dieses „religiösen Systems“ (Entweder Du glaubst und verehrst oder Du hast per se keine Ahnung.). Vielleicht sollte man seine Aufmerksamkeit woanders hin richten und das kleine rote Buch als das sehen, was es eigentlich ist – eine Sammlung von Adressvorschlägen, wo man mal Essen gehen könnte…
Richtig, es gibt schon lange viele Skandale um den Michelin. Die von mir erwähnten positiven Beschreibungen beziehen sich in erster Linie auf einen (trotz der Skandale) bestehenden Ruf. Nicht zuletzt unter Köchen ist der Michelin noch immer der Gold-Standard.
Das hat sich Michelin einerseits erarbeitet, andererseits Teile ich die Perspektive, dass dieser Ruf auf verschiedenen Ebenen durch das Vorgehen von Michelin in Mitleidenschaft gezogen wird. Historisch betrachtet war der Guide allerdings schon immer ein Marketinginstrument, gleichwohl sehe ich auch die Probleme in Bezug auf objektive Kritiken, durch den Verkauf der eigenen Dienste als Serviceleistung.
Lieber Felix B.,
dass der Guide historisch als Marketinginstrument für Reifen begann, ist unbestritten. Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen damals und heute: Früher nutzte man kulinarische Kompetenz, um eine Marke zu stärken. Heute wird die kulinarische Substanz filetiert und verscherbelt, um kurzfristige Gewinne einzufahren.
Dieser Niedergang des vermeintlichen „Goldstandards“ ist kein Zufall, sondern das direkte Resultat der hauseigenen Personalpolitik an der Spitze. Michelin spricht ungern über die Männer hinter den Kulissen, doch ein Blick auf die Chronologie der Generaldirektoren erklärt den aktuellen Zustand des Guides:
Den legendären Ruf erarbeiteten Männer wie André Trichot und Bernard Naegellen. Beide waren gestandene Chefinspektoren mit einem tiefen Verständnis für die Gastronomie. Nach dem kurzen Intermezzo von Derek Brown übernahm mit Jean-Luc Naret ein reiner Hoteldirektor das Ruder – ein Mann, in dessen Hotels die Gastronomie, gelinde gesagt, nie Priorität genoss. Es folgte Michael Ellis: Er kam zwar aus der Michelin-Reifensparte (Motorräder), brachte aber immerhin eine kurze persönliche Gastro-Vergangenheit mit. Er leitete eine Phase der Konsolidierung.
Und heute? Heute steht mit Gwendal Poullennec ein Mann an der Spitze, der selbst nie als Inspektor im Einsatz war. Er ist Absolvent der Elite-Handelsschule ESSEC. Seine Kernkompetenz ist nicht der Genuss, sondern das Verkaufen. Unter ihm gilt: Marketing über alles.
Wenn die Führung keine kulinarische DNA mehr besitzt, bricht die Basis weg. Wo sind die fachlichen Instanzen, die Inspektoren, geblieben?
Gilbert Garin, ein ehemaliger Koch und echtes Urgestein des Guides, ist in Rente.
Roland Forgeng hat die Seiten gewechselt und berät heute Köche aktiv dabei, wie sie Sterne erlangen – ein logischer Schritt angesichts der neuen Sachlage.
Und Alain Frémiot, dessen Name bereits irgendwie mit dem belgischen „Ostend Queen“-Skandal verknüpft war, fiel später in Asien auf und agiert heute weitgehend im Verborgenen.
Wer sehen will, wie tief dieser Sumpf inzwischen reicht, dem sei die investigative Dokumentation „Michelin Stars, Money and Lies“ des südkoreanischen Fernsehsenders KBS (auf YouTube mit Untertiteln abrufbar) ans Herz gelegt. Dort wird das System Frémiot und die Vergabe von Sternen minutiös seziert.
Der „Goldstandard“ ist eine Illusion aus der Vergangenheit. An der Basis fehlen die Fachleute, an der Spitze sitzen die Excel-Experten. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis auch die Köche dies bemerken wollen.
Danke für die spannenden Ausführungen, denen ich gar nicht widerspreche. Die Anmerkung zum historischen Marketing war eher der Vollständigkeithalber und augenzwinkernd erwähnt. Dass dies heute ganz andere Dimensionen annimmt und der eigenrtlichen Sache (wenn man denn seriöse Kritik als die eigentliche Sache sieht) – Michelin selbst ev. nicht) schadet.
Interessant ist eben, dass Michelin weiterhin einen recht positiven Ruf genießt. Wir werden sehen ob bzw. wann dieses System zusammenbricht. Die Köche, selbst wenn sie es merken, dürften wenig Interesse haben dieses System lautstrak zu kritisieren, auch wenn das vereinzelt durchaus vorkommt. Es gibt hier ja ebenfalls wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Auch am „Goldstandard“ der vergangenen Zeiten gab es (zu recht) Kritik. Bleibt die Frage ob es absehbar überhaupt bessere Alternativen gibt, so ein historisch gewachsenes, global agierendes System ist ja nicht so leicht zu ersetzen. Wer weiß vll gibt es an der Spitze des Guides auch mal wieder eine positive Überraschung….(Die Marketingstrukturen ließen sich auch aus dem Hintergrund lenken, als Gesicht könnte dann wieder eine Person mit kulinarischer Expertise übernehmen)
Ansonsten werden kritische Gourmets eben in den Nischen fündig und der Sterne-Zirkus wird zum Massenspektakel, Michelin würde es wohl freuen.
Das stimmt so einfach nicht: Insbesondere in China und Thailand zeigt sich, dass Geld offenbar keinen Einfluss auf die Sternevergabe hat – in den Guides für die Provinzmetropolen gibt es teils gar keine Sterne (Phuket! Ko Samui!), oder höchstens mal zwei oder drei Lokale (China), dafür jede Menge Bibs, was ja keineswegs unrealistisch ist (in den dortigen Weltmetropolen wiederum sind sie überwiegend nachvollziehbar, teils eher zu streng).
Auch aus Österreich wurde ja u.a. von der SZ berichtet, dass man zwar dachte, mitreden zu dürfen, vom Michelin aber klar in die Schranken gewiesen wurde (ich weiß es zudem aus erster Hand in Österreich).
Sie schreiben auch: „Doch es gibt keinerlei neutrale, überprüfbare Fakten, die diese Kompetenz attestieren. Der Kunde und die Branche müssen dem Guide einfach glauben, dass er qualifizierte Inspektoren beschäftigt und flächendeckend testet.“
Stimmt. Wie bei ausnahmslos jedem seriösen Guide. Das ist also ein völliges Nicht-Argument, wird hier aber als eine Besonderheit suggeriert. (Zudem: jeder Gastronom kann bei Michelin um Details zum Test bitten, also den Besuch verifizieren, insofern haben Sie auch in dem Punkt schlicht unrecht).
Michelin-Bashing ist ja sehr en vogue, und es gibt zweifelsohne Kritikpunkte, aber die Ihren sind ähnlich unüberzeugend, wie jene von Herrn Dollase.
Der Michelin bleibt (zumindest außerhalb Frankreichs und Japans) der verlässlichste Guide. Ist einfach so, ob es einem passt oder nicht.
Ich kann diese Kritik sehr gut verstehen. Die Veranstaltung wirkt forciert, ungelenk werden Spannungselemente eingebaut und die Moderation wirkt ebenfalls aufgesetzt – man fragt sich was Michelin mit einer solchen Veranstaltung erreichen will, die wie eine schlechte Kopie der 50 Best Zeremonien wirkt.
Der Michelin, der sich in den letzten Jahren endlich von seiner sehr französischen Vorstellung von Hochküche gelöst hat, scheint die eigenen Wurzeln ganz zu vergessen. Wieso schafft es dieser namhafte kulturelle Akteur der Gastronomie nicht, die eigenen Kernkompetenzen in eine Veranstaltung zu übertragen? Seriosität, sichere Urteilskraft, sachliche Kompetenz und Diskretion statt Award-Zirkus wären dem Ruf des Michelin angemessener. Eine Veranstaltung, die Gastronomie wirklich würdigt. Wie es anders geht, sozusagen das extreme Gegenteil von Kulinarik-Klamauk zeigt Herr Dollase mit den Veranstaltungen zur Aufnahme ins Deutsche Archiv der Kulinarik ( https://www.slub-dresden.de/entdecken/deutsches-archiv-der-kulinarik/geschmacksdokumentationen-aus-der-spitze-der-kochkunst) , bei der die Würdigung der Arbeit der Köche im Mittelpunkt steht sowie mit den Geschmacksdokumentationen selbst. (Vor diesem Hintergrund ist vermutlich auch die Kritik zu lesen).
Wieso überhaupt ein fachfremder Moderator nötig ist erschließt sich auch nicht. Von der Kompetenz der Redaktion bzw. der Inspektoren des Michelin ist nichts zu sehen, dabei könnte, nein müsste, diese den Abend bestimmen. Herr Flinkenflügel könnte nun ja (als Direktor a.D.) in Erscheinung treten oder ein aktuelles Mitglied der Redaktion – das strenge Geheimhalten von Namen und Gesichtern wirkt ohnehin zunehmend gestrig. Das hat nun auch die New York Times überwunden und beim Gault Millau war ebenfalls meist der Cheftester bekannt.
Es bräuchte mehr Mut, um eigene Maßstäbe zu setzen, anstatt erfolgreiche Formate schlecht nachzuahmen – denn das ist dieser Instanz eigentlich unwürdig.
Al s ich in den 60er Jahren erkannte, dass es jenseits der deutschen Hausmannskost spannendes, köstliches, sensationelles gab, und dass Freunde diese Erkenntnis teilten begann ich zu kochen. Freunde und ich begannen – reihum – uns zu bekochen, besuchten Restaurants, lasen Pflichtlektüre von Siebeck und Bocuse, teilten unsere Erfahrungen, handelten (Geheim)Tips und hatten viel Spass. Geheimnisvolle Zutaten wie Crême Fraiche, Crême Double, Noilly Prat, Fonds, unmöglich in Germanien zu beschaffen, faszinierten uns. Jede Reise nach Frankreich endete mit gefährlich vollen Kofferräumen. Der Guide Michelin war ein unersetzlicher Ratgeber und Reiseführer. Eine Instanz der man vertraute. Mein erstes 3 * Restaurant war das Vivarois in Paris. Viele weitere folgten. Da ging es noch ums Essen und nicht die Show. Dann kippte irgendwann und irgendwie alles und Essen wurde zum Event. Meine letzte Restaurantrechnung im La Vie von Thomas Bühne in Osnabrück hat, für mich, dann ‚ne Menge gedreht. Ich wollte einfach nur gut essen und wurde dann Teil einer gastronomischen, teuren Inszenierung. War natürlich gut aber nicht das, was ich eigentlich wollte. Insofern richtet sich der Guide Michelin, seine Inszenierung und sein kommerzielles Interesse natürlich nach dem Zeitgeist und der zahlungskräftigen Zielgruppe. Interessiert mich nicht mehr. Besuche auch keine Restaurants mehr. Habe keinen Thermomix. Und, Sterne hin, Sterne her.
* Restaurants kann und will ich mir nicht mehr leisten. Kann nicht mehr so viel essen, habe ein riesiges Repertoire an Gerichten, die ich akzeptabel kochen kann. Manchmal klaue ich was von JD und koche es nach.
Absolut korrekt. Ein amateurhafter Moderator, der im Stil einer Tankstelleneröffnung auf der Bühne steht, der es nie in die wirklich großen Sphären geschafft hat (wohl zu Recht), unkundig in der Materie und extrem schlecht vorbereitet wirkend, lässt diese mit Spannung und Vorfreude erwartete Veranstaltung leider in den Bereich einer Jubliläumsfeier des örtlichen Schützenvereins abgleiten (obwohl die wahrscheinlich lustiger sind). Schade.
Servus! ich glaube Sie haben den Sinn der Veranstaltung nicht verstanden! ich persönlich fand die Präsentation gelungen und ich sah auch nur glückliche Gesichter. Wann stellen Sie in Ihren Kommentare einmal das Positive heraus. Immer nur das Negative aufzeigen ist doch sehr flach. Mit freundlichen Grüßen Eber-Hofer.
Die Gegenfrage müsste lauten: wann lesen Sie meine positiven Dinge?
Danke JD, wie erfreulich das endlich mal jemand die Bedeutung der kulinarischen Entwicklung in Deutschland in den Vordegrund stellt.Die Veranstaltung war eine, dazu noch schlechte, Selbstdarstellung eines völlig unfähigen Moderators der auf “ Dorffest“ Niveau moderierte. Bleibt zu hoffen das Ihr Komentar ein Weckruf für Michelin war.
Leider wird den Kommentar bei Michelin zur Kenntnis nehmen, dazu sind sie zu weit weg, wie mittlerweile auch von dem einfachen Restaurantbesuchern…
Sie scheinen meine Arbeit nicht zu verfolgen. Gruß JD
@JD – Mein vorheriger Kommentar „zu weit weg“ war auf Michelin, nicht auf Sie, bezogen; wollte damit sagen, daß Michelin sich aus meiner Sicht mittlerweile zu weit von der eigentlichen Sache (dem gutem Essen) entfernt hat und sich nur noch selbst feiert.
Ich darf sagen, dass ich nicht immer Ihrer Meinung bin. Mit dieser nicht ganz von Häme freien Analyse liegen Sie 100% richtig. Der Michelin verliert zusehends an Relevanz. In Österreich war auch niemand von den offiziellen Michelin-Leuten, aber die Stimmung war sehr gut.
Von der Einwohnerzahl natürlich nicht zu vergleichen, aber: Estland hat von Beginn an die Sterne-Verleihung selbst in die Hand genommen und das Ganze zu einer großen Party unter Freunden gemacht.
Gelber Stern? Würde ich nochmal überdenken. Ansonsten gebe ich Ihnen völlig Recht. Die Inflation an Ein-Sterne-Lokalen geht weiter, aus 10 Quetschflaschen am Pass werden 20, und das Menü wird absehbar teurer werden. Ich habe zum Glück ein unbesterntes Restaurant im Sprengel, in dem sternewürdig gekocht wird, ganz ohne Bling und Gedöns und Smoothietröpfchen auf dem Teller. Da müssten wir eigentlich wieder hin. Die Präsentation der Besternten hatte nicht mal das Niveau eines Kick-Off-Events der Versicherungsbranche … so kann man sich langsam unmöglich machen, den Köchen gegenüber ist das eine Frechheit.
Klar, die Farbe eines weiteren Sterns kann sein wie sie will….Die Event-Qualität ist vor allem so, dass das, was man eigentlich eirreichen müsste, nämlich eine sehr viel größere kulturelle Wertschätzung der Kochkunst – weit in den Hintergrund rückt.
Gruß JD
Lieber Jürgen Dollase, der gelbe Stern ist hierzulande historisch belastet…
Werter Herr Dollase,
gut und schön – die Verleihung ist eine Katastrophe. Aber wie ist denn das Ergebnis? Eine weitere Flut von 1-Sterne-Restaurants, ordentlich Ruhm für die austragende Stadt. Die Latte, um auf den Hochsprung zu kommen, liegt doch wohl zu tief. Und auf dem falschen Platz wird auch trainiert – da bin ich ihrer Meinung. Andererseits: warum brauchen traditionelle Restaurants, die gut laufen, überhaupt Sterne? Für Restaurants wie z.B. Haus Stemberg (derzeit 1 Michelin-Stern) würde eine andere Kategorie viel besser passen. (Oder einfach den BIP dafür hernehmen) Das ist einfach grandios gekochtes Essen, hatte aber doch selbst nie den Anspruch, besternt zu werden. Ich persönlich fände es an der Zeit für einen Neustart. Sterne müssen, wenn sie sinnvoll sein sollen, etwas wirklich besonderes sein. So kann ich mit dem Michelin von Jahr zu Jahr weniger anfangen.
Sie haben recht: viele der gut laufenden, traditionellen Restaurants brauchen keine Sterne. Aber – es geht mir nicht um die „Michelin-Sterne“ als solche, sondern um das, was leider immer noch damit verbunden wird, nämlich eine enorme medial Präsenz der Neu-Verleihung. Die Presse ist da seit vielen Jahren komplett eingefroren auf einem Level, das den Michelin für eine Art oberste Gesetzgebung hält. Ich beobachte das genau und mache im übrigen in diesem Zusammenhang auch immer eine ganze Reihe von Rundfunk-Interviews. Auch Mist trägt zur Normierung bei, das kann man ganz trocken wissenschaftlich sehen.
Gruß JD
Mit Dollase bin ich weissgott nicht immer einverstanden. Aber hier: Treffender und pointierter kann man die Qualität des Guide Michelin nicht beschreiben. Bin begeistert Herr Dollase. Hervorragend !!!
Vielen Dank für die detaillierte Analyse. Zur Zeit scheint es ja leider keine echte Alternative zum Michelin zu geben. In einigen Punkten erinnert mich die Vorgehensweise an die FIFA unter Infantino.
Michelin und FIFA, sehr guter Vergleich
Es geht ums Geld
Ein „gelber“ Stern? Die Idee ist gut, die Farbe hingegen….
Schon gut, verstanden… Gruß JD