Alt und zu modisch. 10 Anmerkungen zur Präsentation des Guide Michelin 2026

Mit einer vor allem bei näherem Hinsehen katastrophalen Präsentation der neuen Sterne für das Jahr 2026 hat der Guide Michelin in geradezu brüsker Manier gezeigt, dass es ihm längst nicht mehr um die Köche und schon gar nicht um die Sache als solche geht. Hierzu folgende Anmerkungen:

 

  1. Es ist geradezu ein Affront gegenüber der deutschen Spitzenküche, dass man sich bei Michelin personell so arg zurückgehalten hat. Der Chef war nicht da, kein weiterer Offizieller zu erkennen und überhaupt kein sachkundiger Kommentar. Auch sonst gab es wenig personellen Glanz – immer verglichen mit anderen Präsentationen in anderen Ländern. Statt dessen überließ man die Sache in einer Art Billigversion vollständig einem unkundigen Moderator, der – wie schon in früheren Jahren – noch nicht einmal alle Namen der Köche richtig aussprechen konnte.

 

  1. Ein Außenstehender dürfte Schwierigkeiten gehabt haben, zu verstehen, worum es überhaupt geht. Es gab keinerlei wirkliche kulinarische Würdigungen, keine Darstellungen der Küche – nichts. Im Zusammenhang damit sogar etwas Unglaubliches:

 

  1. Es gab keinerlei aussagekräftige Bilder von den Gerichten der Preisträger. Alles Gerede spielte sich in einer Art luftleeren Raum ab, ohne konkreten Bezug, ohne konkrete Aussage darüber, warum denn eigentlich die Ehrung ausgesprochen wurde.

 

  1. Persönlich fand ich fast das Schlimmste, dass der Moderator die Köche wie eine Art semi-dementer Jugendlicher behandelte. Wenn er wieder einmal seinen blödesten Satz („Wie fühlst Du jetzt?“ „Was macht das mit Dir?“) einsetzte und wieder einmal Köche wie eine Gruppe von Altersheiminsassen bei einer Kaffeefahrt auf der Bühne herumschob, war das nur zum Fremdschämen. Wertschätzung für die Köche ist etwas anderes, als ein paar Sätze Richtung Sven Elverfeld.

 

  1. Auf einer Meta-Ebene entwickelt sich durch die Präsentation und das Verhalten des Moderators ein Bild von unseren grandiosen Könnern am Herd, bei dem diese irgendwie unterbelichtet wirken, irgendwie rumstehend, irgendwie nicht wirklich flott vor sich hinredend, irgendwie dem scheinbar überlegenen Moderator kaum gewachsen. Und weil – siehe oben – es auch keinerlei Würdigung der Arbeit der Köche gab, hatten sie auch nicht den Nimbus, der durch eine Laudation (und wenn sie noch so kurz wäre) entstehen würde. Sie wurden zu Schachfiguren in einem Spiel degradiert, das sie nicht an Ort und Stelle gewinnen konnten. – P.S. Köche können oft ganz ausgezeichnet über ihre Arbeit reden. Man muss sie nur richtig ansprechen.

 

  1. Man muss daran erinnern, dass der Guide Michelin ein Privatunternehmen ist – auch wenn er im kulinarischen Bereich den Anschein einer Art staatlichen Instanz erweckt. Die Geldgeber jedenfalls bekamen die vermutlich vertraglich zugesicherten Zeiten. Der Guide Michelin arbeitet kommerziell, strukturell dadurch nie ganz unabhängig und – auf das Fach bezogen – seriös, weil er nicht eindeutig an der Kochkunst interessiert und orientiert erscheint.

 

  1. Um langsam ins Stilistische überzugehen: die Ein-Sterne-Köche werden zunehmend so präsentiert, als ob der erste Stern eine Art Nachwuchswettbewerb oder Irgendetwas für Newcomer wäre. Es fehlt seit Jahren an Auszeichnungen für langjährig erfolgreiche, zuverlässig und gut arbeitende Köche, die dann irgendwann auch einmal einen Stern verdient haben.

 

  1. Der Guide Michelin wirkt alt, weil er irgendwann einmal die falsche Abzweigung genommen hat und seit langem schon nicht mehr mit dem zurechtkommt, was real existiert. Die Konzentration auf eine oft sehr artifizielle, sich auffällig oft per Copy-and-Paste fortpflanzende Spitzenküche hat dazu geführt, dass der Führer nicht in der Lage ist, alles, was kulinarisch wirklich gut ist, adäquat zu erfassen und zu würdigen. Um es in ein Bild zu bringen: Die Mère Brazier, die in den 30er Jahren gleich zwei Restaurants mit drei Michelin-Sternen führte, würde heute keinen Stern mehr bekommen – wenn ihre Arbeit denn überhaupt entdeckt werden würde. Und dies nicht deswegen, weil die Kochkunst sich wie der Weltrekord im 100-Meter-Lauf fortentwickelt hätte, sondern deswegen, weil man bei Michelin vergessen hat, was Kochkunst ist und dass gute Küche nie veraltet.

 

  1. Der Guide Michelin wirkt zu modisch orientiert, weil er offensichtlich und ganz nach Business-Plan mit allem spielt, was den medialen Hyper-Populismus auf allen Kanälen ausmacht. Ihm fehlt vor allem das fachliche Rückgrat, das auch dazu führen müsste, dass man manche Praktiken der besten Restaurants kritisch sieht und gleichzeitig im Bereich der Regionalküche oder traditionellen Küche Großartiges findet.

 

  1. Der Guide Michelin ist dabei, sich zu überleben. Noch funktionieren medial die uralten Mechanismen, die Mär von einer kaum zu fassenden, aber funktionierenden Instanz. Aber – die Zahl der Gegner wächst erheblich an und wird weiter anwachsen, weil der Führer seine Arbeit nicht ordentlich macht. Ich hatte vor Jahren schon geschrieben, dass der grüne Stern Unsinn ist und man statt dessen lieber einen gelben Stern (o.ä.) für Regionalküche und Traditionsküche verleihen sollte. Funktionalität ist das, was die vielen Online-Bewertungssysteme haben. Ihre Schwäche ist, dass sie keine belastbaren qualitativen Bezüge haben. Wer sich nicht voll und ganz auf die Seite der Qualität schlägt, wird als Instanz verlieren.

4 Gedanken zu „Alt und zu modisch. 10 Anmerkungen zur Präsentation des Guide Michelin 2026“

  1. Werter Herr Dollase,
    gut und schön – die Verleihung ist eine Katastrophe. Aber wie ist denn das Ergebnis? Eine weitere Flut von 1-Sterne-Restaurants, ordentlich Ruhm für die austragende Stadt. Die Latte, um auf den Hochsprung zu kommen, liegt doch wohl zu tief. Und auf dem falschen Platz wird auch trainiert – da bin ich ihrer Meinung. Andererseits: warum brauchen traditionelle Restaurants, die gut laufen, überhaupt Sterne? Für Restaurants wie z.B. Haus Stemberg (derzeit 1 Michelin-Stern) würde eine andere Kategorie viel besser passen. (Oder einfach den BIP dafür hernehmen) Das ist einfach grandios gekochtes Essen, hatte aber doch selbst nie den Anspruch, besternt zu werden. Ich persönlich fände es an der Zeit für einen Neustart. Sterne müssen, wenn sie sinnvoll sein sollen, etwas wirklich besonderes sein. So kann ich mit dem Michelin von Jahr zu Jahr weniger anfangen.

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  2. Mit Dollase bin ich weissgott nicht immer einverstanden. Aber hier: Treffender und pointierter kann man die Qualität des Guide Michelin nicht beschreiben. Bin begeistert Herr Dollase. Hervorragend !!!

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  3. Vielen Dank für die detaillierte Analyse. Zur Zeit scheint es ja leider keine echte Alternative zum Michelin zu geben. In einigen Punkten erinnert mich die Vorgehensweise an die FIFA unter Infantino.

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